J.P. Morgan Asset Management stellt sich bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten jährlich die Frage, was Anleger in den kommenden zehn bis 15 Jahren zu erwarten haben. Die Antwort darauf fällt aktuell einigermaßen ernüchternd aus. Denn die Experten haben die Ertragserwartungen auf lange Sicht soeben ein weiteres Mal zurückgestuft: Für ein Portfolio eines Anlegers im Euroraum, das zu 60 Prozent in Aktien und zu 40 Prozent in Anleihen investiert, wurde im Vorjahr noch eine annualisierte Rendite von 5,5 Prozent in Aussicht gestellt. In der aktuellen Prognose hingegen liegt die jährliche Erwartung für die kommenden ein bis zwei Konjunkturzyklen nur mehr bei vier Prozent.

Der Grund: Der aktuelle Wirtschaftszyklus ist weit fortgeschritten, die Aktienbewertungen sind bereits sehr hoch. Die mageren Anleihenerträge dürften sich nur langsam verbessern.

Eurozonen-Aktien und Schwellenländer
Bei Aktien erscheint für Anleger aus der Eurozone derzeit der eigene Währungsraum attraktiver als die USA, wo der Konjunktur-Aufschwung schon weiter gelaufen ist; außerdem rücken Schwellenländer noch mehr in den Fokus: US-Large-Caps (in Euro denominiert) dürften demnach auf lange Sicht rund 4,5 Prozent jährlich bringen. Das ist ein Rückgang zur Vorjahresschätzung um 0,5 Prozentpunkte. Eurozonen-Aktien hingegen sollen im Schnitt jährlich noch 5,75 Prozent einbringen (ein Rückgang um 0,25 Prozentpunkte zur Schätzung davor). Sehr weit abgestuft wurde die Erwartung für die EU-Austrittsnation Großbritannien, wo in Euro gerechnet langfristig nur noch fünf Prozent erwartet werden statt 6,25 Prozent im Jahr davor.

Schwellenländeraktien hingegen sollen allgemein sieben Prozent bringen, die Erwartung wurde hier um einen ganzen Prozentpunkt zurückgeschraubt. Sehr deutlich musste dabei China Federn lassen: Statt 9,25 Prozent sieht J.P. Morgan AM nur noch 6,75 Prozent per annum als realistischen Aktienertrag im Reich der Mitte. In diesem Licht erscheinen Nationen wie Südkorea (7,75 Prozent) und Taiwan (8,25 Prozent) als durchaus sehenswerte Märkte für Anleger.

Im Bereich Anleihen wird für Hochzinstitel allgemein eine Rendite von 3,50 Prozent und bei Investmentgrade zwei Prozent per annum in Aussicht gestellt.

"Positiv, aber nicht mehr so euphorisch"
"Die Erträge sind noch immer positiv, aber ein Stockwerk tiefer als noch vor zehn Jahren. Wir müssen uns bewusst sein, dass wir in den nächsten zehn Jahren bei Themen wie Fixed Income und US-Aktien deutlich niedriger Erträge sehen werden. Aber es gibt Regionen, die zurückgeblieben sind, in den Emerging Markets und der Eurozone sollte es noch Potenzial geben", sagt Tilmann Galler, globaler Kapitalmarktstratege von J.P. Morgan AM, zu FONDS professionell ONLINE. "Trotz hoher Bewertungen können wir positive Renditen erwarten. Aber nicht mehr so euphorisch", so Galler.

Für die Emerging Markets, die in den vergangenen Jahren zahlreiche große Enttäuschungen, heftige Kurskapriolen und Abstürze geboten haben (Südamerika, China, Russland etc.) gibt Galler dennoch ein klares Bekenntnis ab: Auf die Frage, ob man als Anleger – zum Beispiel für die Altersvorsorge – mit Blick auf die vergangenen Jahre noch in diese Regionen investieren dürfe, sagte Galler: "Ja, das soll man".

"Man darf bei aller Zyklik in den Emerging Markets nicht vergessen, dass es die Emerging Markets besonders traf, als der Rohstoff-Superzyklus zu Ende ging. 2011 bis 2016 hat die Region massiv unterperformed. In der Zwischenzeit gab es aber strukturelle Veränderungen, die Corporate Governance in vielen dieser Länder hat sich verbessert. China ist punkto Technologie heute viel besser, das Land geht von Scale zu Skill". Das Geschäftsmodell dieser Länder habe just gleichzeitig mit dem Höhepunkt der BRIC-Euphorie 2007 einen Riss bekommen. "Aber das Wachstum dieser Länder verändert sich. China wird der größte Binnenmarkt der Welt werden, das ist unaufhaltsam“, so Galler.

"Emerging Markets nur breit investieren"
In Emerging Markets müsse man stets sehr breit investieren. Wer sich in diesem Segment in der Vergangenheit nicht global aufgestellt habe, sondern Trends gefolgt sei, habe sehr wahrscheinlich Probleme bekommen. Aber: "Wir haben eine hohe Zuversicht, dass unsere Prognose da nicht zu optimistisch ist. Wir sehen da ordentliches Potenzial“, so Galler. Indien etwa werde wieder ein Thema, auch wenn es "nicht das zweite China" sei. Ebenso müsse man auf Indonesien und andere Länder mit großer Bevölkerung achten, die mit einer zunehmend hoch ausgebildeten Bevölkerung und gut geführten Unternehmen punkten. 

Der Blick des Experten auf die eigenen Gefilde fällt dagegen streng aus: Der Brexit zeige auf, dass es innerhalb der EU erhebliche Probleme gibt, so Galler. "Die Eurozonenzahlen sind nicht so, dass trotz guter Konjunktur alles bestens ist. Es gibt Reformbedarf, je länger man das hinauszögert, desto gefährlicher wird es, wenn sich der Zyklus drehen sollte. Jetzt hätte man das Umfeld, Europa auf stabilere Beine zu stellen", mahnt er.

"Banken dürfen Anschluss nicht verlieren"
Er spricht dabei große Vorhaben wie die Bankenunion an. "Man muss verhindern, dass europäische Banken den Anschluss verlieren an die Welt. Unter den größten Banken der Welt spielen nur mehr sehr wenige europäische Namen mit. Es sind alles Banken mit großen Binnen oder Heimmärkten. Europa kann sich die Fragmentierung nicht leisten. Es gibt viele Aufgaben, und die EZB kann nicht ewig den Laden zusammenhalten", so Galler.  

In ihrem Kapitalmarktausblick "Long Term Capital Market Assumptions" blickt die Gesellschaft über ein bis zwei Konjunkturzyklen – rund zehn bis fünfzehn Jahre – hinweg. Darin werden langfristige Ertrags-, Volatilitäts- und Währungsprognosen abgegeben. Unter anderen gehen die Analysten auch auf den Einfluss der alternden Bevölkerung auf die Wirtschaft (kontinuierlichen Senkung der Wachstumsprognosen) ein. Dem könnte sich allerdings ein Aufschwung durch neue Technologien positiv entgegensetzen. "Die technologische Innovation scheint sich als positiver Wendepunkt zu erweisen, da sie einen vielversprechenden Blick auf das freigibt, was einen längst überfälligen Produktivitätsschub auslösen könnte", heißt es in der Studie. (eml)