Wieder einmal bewegt die Geldpolitik die Märkte. Während es im vergangenen Jahr vor allem darum ging, wie die Zentralbanken das Wachstum unterstützen, steht nun der Ausstieg aus der lockeren Politik im Fokus. Die Märkte preisen eine Erhöhung der kurzfristigen Zinssätze für viele Industrieländer ein, berichten die Volkswirte von Aberdeen Standard Investments. Dabei fallen allerdings zwei Dinge auf: Erstens erwarteten Investoren, dass die Zinsen nur sehr langsam steigen werden. Zweitens rechnen sie in der Eurozone und in den USA mit einer ähnlichen Entwicklung, obwohl die konjunkturelle Ausgangslage jeweils eine andere ist.

Chefvolkswirt Jeremy Lawson sieht mehrere Gründe für diese Vorsicht. Zum einen seien die Erwartungen der Anleger seit der Finanzkrise immer wieder enttäuscht worden, sagt er. Auch bleibt trotz des höheren Wirtschaftswachstums die Inflation niedrig. Darüber hinaus können kürzere Zinssätze durch negative Term-Prämien gedrückt werden, was das Erwartungssignal verfälscht.

Wirtschaftliche Folgen sind unklar
Zur zurückhaltenden Zinserwartung kommt eine weitere Dynamik hinzu, erklärt Lawson: "Mit der Fed, die jetzt beginnt, ihre Bilanz zu schrumpfen, und der Europäischen Zentralbank, die wahrscheinlich ihre Anleihekäufe im nächsten Jahr zurückschraubt, werden andere Instrument des Politik-Baukastens aktiv angepasst." Es ist unklar, wie sich diese Veränderungen auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auswirken werden. Die Bilanzverkürzung könnte etwa auf die kurzfristigen Gleichgewichtszinsen drücken.

Wenn Änderungen in den Politikinstrumenten die Realwirtschaft belasten, sollten die Zentralbanken darauf achten, dass sie die konventionellen Zinsen niedrig halten und sensibel auf Veränderungen der makroökonomischen Rahmenbedingungen reagieren, sagt Lawson. "Dieser Balanceakt wird in der Eurozone besonders wichtig sein, wobei es derzeit anscheinend die technischen Einschränkungen sind, die die EZB zu einer Drosselung der Asset-Käufe veranlassen." Jedenfalls dürften weder die US-Notenbank noch die EZB in der Lage sein, die Leitzinsen so schnell und so stark anzuheben, wie sie es sich erhoffen. (fp)