Die klassische Kapitalmarktlehre besagt, dass zwischen Aktien und Anleihen eine Negativ-Korrelation besteht: Wenn die Anleihekurse steigen, klettern auch die Aktienkurse. Anders ausgedrückt: Steigen die Anleiherenditen (weil die Bondnotierungen in die Knie gehen), schwächeln die Aktienkurse (und damit deren Kurs-"Renditen"). Dieser Zusammenhang erscheint im Sinne der Risikostreuung im Portfolio durchaus wünschenswert.

Dahinter steckt die realwirtschaftliche Annahme, dass sinkende Zinsen das Investitionsumfeld für Unternehmen verbessern und ihre Zinsbelastung mindern. In der Folge ziehen die Firmengewinne und mit ihnen auch die Aktienkurse an. Anleger erkennen bessere Gewinnchancen an der Börse und satteln, zumindest in Teilen, von Anleihen auf Dividendentitel um. Das exakte Gegenteil gilt dementsprechend in einer Welt steigender Zinsen.

Zahlen für den deutschen Kapitalmarkt aus den vergangenen 40 Jahren scheinen diesen Zusammenhang zu bestätigen, schreibt der technische Analyst Wieland Staud in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ): "Die Umlaufrendite fiel von rund elf Prozent Anfang der achtziger Jahre auf unter null Prozent, und der Dax stieg von damals rund 500 auf runde 13.500 Punkte. Klarer kann ein Zusammenhang kaum sein."

Was langfristig stimmt, hat kurzfristig keinen Bestand
Damit die Anleiherenditen – wie aktuell von zahlreichen Beobachtern propagiert – als Indikator für die Trends an der Börse taugen, muss sich dieser Zusammenhang allerdings auch in kürzeren Zeitabschnitten zeigen – und genau das ist nicht der Fall, sagt Staud.

So fanden die bislang heftigsten Abstürze des Dax ausgerechnet in einem Umfeld statt, in dem auch die Umlaufrenditen dramatisch kollabierten. Und der Anstieg des Deutschen Aktienindex in den Jahren 1988 bis 1990 vollzog sich ungeachtet eines simultan stattfindenden, extremen Zinsanstiegs. "Wer lange genug an irgendwelchen Argumenten herumschraubt und sie mit einer Reihe von Wenn-Dann-Bedingungen verknüpft, der wird immer einen Zusammenhang finden", kommentiert Staud.

Steigende Zinsen als Menetekel?
Ganz unbrauchbar sind die Anleiherenditen als Indikator für die Aktienkursentwicklung trotzdem nicht, so der Analyst. "Es gibt eine erstaunliche Abhängigkeit: Allen großen Kursrückgängen des Dax in den vergangenen 40 Jahren ging ein signifikanter Zinsanstieg voraus."

Das trifft für den Crash im Jahr 1987 zu, für das Platzen der Internetblase und auch für die Finanzkrise in den Jahren 2007 bis 2009. "Selbst die eher kleinen Rücksetzer wie jener 2011 im Zeichen von Euro-Krise und Fukushima folgten diesem Schema", betont Staud. So könnten die gestiegenen Anleiherenditen und gefallenen Aktienkurse in den vergangenen Monaten eben doch Vorboten eines noch heftigeren Niedergangs sein.

"Nein", meint die UBS
Zu anderen Schlussfolgerungen kommen die Kapitalmarktexperten der UBS in einer aktuellen Ausarbeitung, wobei die Analysten der Schweizer Großbank den Betrachtungsradius auf andere Länder und den Horizont auf längere Zeiträume ausgedehnt haben. Das Resultat: Auf 80 Jahre und am Beispiel der USA gerechnet haben Aktien- und Anleiherenditen gar nichts gemeinsam.

Im Langfristdurchschnitt seit 1931 liegt die Korrelation zwischen den Aktien amerikanischer Großkonzerne und den Renditen zehnjähriger Staatstitel mit 0,08 im kaum noch wahrnehmbaren Bereich. Ergo: Investoren, die in derart langen Zeiträumen denken und planen, könnten sich die Mühe ihr Depot durch geschicktes Austarieren von Aktien- und Anleihequoten wetterfest zu machen, sparen. Doch wer hat schon einen so langen Atem?

Noch aus einem anderen Grund macht Risikostreuung nach UBS-Lesart Sinn. Denn was die langfristige Durchschnittskorrelation kaschiert: Die Wertzusammenhänge variieren von Zeit zu Zeit erheblich. Für die USA haben die UBS-Analysten insgesamt vier verschiedene Regime ausfindig gemacht: Von 1931 bis 1955 war die Korrelation zwischen US-Aktien und Bonds schwach positiv (0,16), um von 1956 bis 1964 unter die Nulllinie abzustürzen (minus 0,22), in den Jahren 1970 bis 1988 dann wieder nach oben zu drehen (0,37), und seit den frühen 1990ern das gewohnt negative Bild zu präsentieren (minus 0,30).

Nichts bleibt, wie es war: Anleihen-/Aktien-Korrelation verschiedener Länder (rollierend auf fünf Jahre)

Quelle: UBS

Das Spannende: Aktuell und auf andere Länder erweitert zeichnet sich ein neuer Regimewechsel ab. Mit Ausnahme von Kanada und Japan drehen die Anleihen-Aktien-Korrelationen überall wieder in den positiven Bereich.

Offenbar, so interpretieren die UBS-Spezialisten die neue Sachlage, sehen die meisten Investoren in dem idealtypischen Anstieg der Inflation (und den darauf folgenden Zinsanhebungen) eben keine Bedrohung für die kerngesunde Ertragslage bei den Unternehmen, sodass Aktien trotz der sich vollziehenden Zinswende attraktiv bleiben – und Anleihen deshalb das Nachsehen haben. (fp/ps)