Der Absturz der türkischen Lira sorgt an den Finanzmärkten für eine tiefe Verunsicherung. "Plötzlich richten sich alle Augen auf das enorme Leistungsbilanzdefizit und die hohe Auslandsverschuldung der Türkei", sagt Harald Preißler, Leiter Anlagemanagement bei Bantleon. Mit rund 5,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Schnitt der vergangenen fünf Jahre ist das Leistungsbilanzdefizit der Türkei eines der höchsten in den Emerging Markets. Die kurzfristigen Verbindlichkeiten gegenüber ausländischen Gläubigern machen inzwischen knapp hundert Prozent der Währungsreserven aus.

Die Türkei lebt bereits seit langem über ihre Verhältnisse, sagt Preißler. Das Land kommt seiner Einschätzung nach nicht um schmerzhafte Reformen herum. "Vor allem müssen die Leitzinsen massiv angehoben werden", mahnt der Experte. Nur so kann die Notenbank glaubwürdig ihre Unabhängigkeit von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan demonstrieren, und nur so lässt sich durch Dämpfung der Binnennachfrage das Leistungsbilanzdefizit reduzieren.

Raus aus dem Risiko
Die Probleme am Bosporus sind nicht neu. Die straffere Geldpolitik rund um den Globus drückt allerdings auf die Risikobereitschaft der Anleger, erklärt Preißler. Hinzu kommen Anzeichen für eine Konjunkturabschwächung. "In diesem Umfeld ist es kein Wunder, dass die fundamentalen Risiken, die mit einem Engagement in aufstrebenden Volkswirtschaften verbunden sind, wieder größere Beachtung finden." Der Bantleon-Experte betrachtet die Krise in der Türkei als Weckruf, der zeigt: Das Fahrwasser für Risiko-Assets wird rauer. (fp)