Nach Ansicht von Carsten Mumm, Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Privatbank Donner & Reuschel, könnten Italiens ungelösten Probleme alle anderen Euroländer infizieren. In Italien finden spätestens im Frühjahr 2018 Parlamentswahlen statt. Dabei könnte die populistische und eurokritische 5-Sterne-Bewegung Beppe Grillos eine Mehrheit erringen. In diesem Fall stünde voraussichtlich eine Volksabstimmung über den Verbleib Italiens im Europäischen Währungsraum auf der Agenda – mit ungewissem Ausgang.

Je näher der Wahltermin rückt, umso wahrscheinlicher sind laut Mumm entsprechende Reaktionen der europäischen Börsen. In den Wochen unmittelbar vor dem Urnengang sei daher mit steigenden Risikoaufschlägen für italienische Staatsanleihen zu rechnen. An den europäischen Aktienbörsen seien weitere Kurssteigerungen vorerst unwahrscheinlich. Eher sei von seitwärts tendierenden oder leicht fallenden Kursen auszugehen. "Sollte dann tatsächlich die Partei Grillos stärkste Kraft werden, sind zumindest kurzfristig heftigere Turbulenzen zu erwarten – voraussichtlich auch an den globalen Aktien-, Renten- und Währungsbörsen", warnt Mumm.

Riese auf tönernen Füßen
Italien ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone, das italienische Bankensystem wegen einer Fülle an zweifelhaften Kreditforderungen angeschlagen. Zudem bestehen enge Verflechtungen Italiens zu den anderen Euro-Teilnehmerstaaten, beispielsweise über gegenseitige Unternehmensbeteiligungen oder das Europäische System der Zentralbanken.

"Ein Ausscheiden des Landes aus der Eurozone würde die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung des gesamten Währungsraums deutlich erhöhen", erklärt Mumm. Italienische Unternehmen und der Staat könnten ihre Euro-Schulden im Ausland angesichts einer deutlich schwächeren neuen Währung kaum zurückzahlen. Unternehmen und Staaten der anderen Eurostaaten müssten entsprechende Abschreibungen vornehmen. Die bisher wirksame Akut-Medizin gegen die europäische Schuldenkrankheit – die ultra-expansive Geldpolitik der EZB – würde voraussichtlich nicht mehr ausreichen. "Die Eurozone könnte sogar einen tödlichen Infarkt erleiden", warnt Mumm.

Prophylaktische Impfung empfehlenswert
Dieses Szenario ließe sich am besten durch eine prophylaktische Impfung im Sinne einer dynamischen – ökonomischen, gesellschaftlichen und politischen – Entwicklung Europas in den kommenden Monaten verhindern. Hier gibt es bereits positive Signale. Die europäische Konjunktur entwickelt sich weiterhin sehr robust. Diverse Frühindikatoren deuten auf eine weitere Wachstumsbelebung in 2017 und 2018 hin. Die deutliche Aufwertung des Euro in den vergangenen Wochen unterstreicht den aufkommenden Euro-Optimismus.

Alle genannten Aspekte benötigen nach Einschätzung Mumms jedoch mehr Zeit, um eine stärkere positive Ausstrahlwirkung auf die europäische Bevölkerung zu erzielen. Das in der Juni-Ratssitzung noch einmal bekräftigte klare Bekenntnis der EZB, bis auf weiteres an ihrer geldpolitischen Ausrichtung festzuhalten, mag auch dem potenziellen Italien-Risiko geschuldet sein, glaubt Mumm. Es sei allemal besser, den Börsen in dieser Situation die Medikation vorerst zu lassen, als vorschnell eine geldpolitische Straffung anzukündigen. "Hoffen wir, dass die Genesung der Eurozone bis zur Italien-Wahl ausreichend ist, um die antieuropäische Attacke auf das Immunsystem zu überstehen", erklärt Mumm abschließend. (aa)