Am 26. Juni endet eine Ära in der mehr als 120-jährigen Geschichte des Dow-Jones-Industrial-Index: Mit dem Industrieriesen General Electric (GE) verlässt das letzte und seit dem Jahr 1907 ununterbrochen dazugehördende Gründungsmitglied den altehrwürdigen Leitindex der Wall Street. Den frei werdenden Platz nimmt dann der Drogerie- und Apothekenfilialist Walgreens Boots Alliance ein. Die Schuld an dem spektakulären Rausschmiss ist in strategischen Fehlentscheidungen des langjährigen GE-Lenkers Jeffrey Immelt zu suchen – aber auch in der anachronistischen Konstruktionsweise des Index selbst.

Immelt hatte dem Mischkonzern, dessen Wurzeln bis zurück zum legendären Glühbirnen-Erfinder Thomas Edison reichen, nach der Jahrtausendwende eine Schlankheitskur verordnet, zahlreiche Sparten verkauft und dafür viel Geld in das Geschäft mit Kraftwerksturbinen und der Herstellung von Equipment für die Öl- und Gasförderung investiert – zwei Bereiche, die seit Jahren unter schwächelnden Erträgen infolge niedriger Energie- und Rohstoffpreise leiden. Immelts Nachfolger John Flannery versuchte verzweifelt, das Ruder herumzureißen und leitete einen harten Sparkurs ein, von dem auch Aktionäre in Form von drastischen Dividendenkürzungen betroffen waren.

Der Niedergang der GE-Aktie ging ungebremst weiter. Allein in den vergangenen zwölf Monaten knickte der Kurs um weitere 55 Prozent ein. Dennoch: Mit einem Börsenwert von "nur" noch 112 Milliarden Dollar (auf dem Kursgipfel um die Jahrtausendwende lag er bei knapp 600 Mrd. Dollar!) ist der Anteilschein nicht einmal der kleinste Wert im Dow-Jones-Index, sondern rangiert – vom Tabellenende her gezählt – auf Platz sechs. Doch die Marktkapitalisierung ist nicht der ausschlaggebende Faktor, mit dem sich eine Aktiengesellschaft für den Leitindex qualifiziert – es ist, ob man es glaubt oder nicht, allein der nominale Aktienkurs! Und der ist beim GE-Papier mit weniger als 13 US-Dollar nun mal der kleinste unter den 30 Indexunternehmen.

Irrsinnige Index-Konstruktion
Anders als moderne Börsenbarometer wie der Dax oder der amerikanische Konkurrenzindex S&P 500, bei denen der Börsenwert ihrer Mitglieder die Hauptrolle spielt, erfolgt die Berechnung des Dow Jones nach simpler Arithmetik. Die Aktie mit dem jeweils höchsten Kurs ist gleichzeitig auch die, deren Gewicht im Dow Jones am größten ist – und umgekehrt.

Dass sich die Architekten bei "S&P Dow Jones Indices" – einem Joint Venture von S&P Global, dem Börsenbetreiber CME und dem Medienkonzern News Corp. – sämtlichen Forderungen nach einer gründlichen Modernisierung des Indexrelikts seit Jahrzehnten hartnäckig widersetzen, ist immer wieder Gegenstand von Kritik. Objektiv nachvollziehbare Kriterien, wer bleibt und wer geht, sind dem Gremium, das über die Zusammensetzung des Marktbarometers in geheimer Abstimmung entscheidet, völlig schnuppe. Auch feste Stichtage, zu denen der Indexmix überprüft wird, existieren nicht.

Immerhin: Ihre Unabhängigkeit haben die Indexoberen mit dem gnadenlosen Rauswurf von General Electric  – dem erst 52. Austausch seit Start des Dow Jones – unter Beweis gestellt. Das ab nun älteste Dow-Jones-Mitglied wird übrigens der Rohstoffmulti Exxon-Mobil sein, dessen Vorgängergesellschaft Standard Oil of New Jersey im Jahr 1928 zum erlesenen Indexclub stieß. (ps)