Der russische Aktienmarkt hat sich im Februar spektakulär zurückgemeldet, wie das FONDS professionell Fondsbarometer zeigt. Was die Risken betrifft, befindet sich das Land aber nach wie vor in keinem allzu rosigen Zustand. Laut Michael O'Sullivan, Chief Investment Officer der Credit Suisse in London, steht die russische Wirtschaft gewissermaßen auf der Kippe. FONDS professionell ONLINE hat mit ihm über die makroökonomische Entwicklung und potenzielle Folgen für Investoren gesprochen.

Herr O'Sullivan, wie steht es wirklich um Russland?

Michael O'Sullivan: Die Kerndaten haben sich verschlechtert. Für 2015 rechnen wir mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um drei Prozent. Besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang das Ergebnis unserer Emerging Consumer Survey, in der wir jedes Jahr das Konsumentenvertrauen in den größeren Schwellenländern messen. Die neueste Studie zeigt, dass russische Konsumenten mit am pessimistischsten in Bezug auf ihre finanzielle Entwicklung sind. 
 
Ist es aus Investorensicht nicht gerade jetzt schlau einzusteigen? Immerhin sind russische Aktien günstig und mit Staatsanleihen sind noch hohe Renditen zu erzielen.

O'Sullivan: Das stimmt, eine Kaufempfehlung machen wir zu diesem Zeitpunkt aber nicht. Das Momentum in Bezug auf Unternehmensgewinne und makroökonomisches Umfeld ist negativ. Der US-Dollar kann noch weiter aufwerten, der Rubel abwerten. Und dann sind da noch die geopolitischen Bedenken im Hintergrund.
 
Bewertungen sind also nicht wirklich entscheidend.

O'Sullivan: Nehmen Sie Indien zum Beispiel. Das Land ist in etwa dreimal so hoch bewertet wie Russland und zieht immer noch reichlich Investorengelder an. Nicht selten sind gerade die teuren Märkte, die einen Turnaround hinter sich haben und das Momentum auf ihrer Seite, interessanter als die günstigen Märkte, denen ein Katalysator fehlt.
 
Bedeutet das, Sie haben Russland in Ihren Portfolios untergewichtet?

O'Sullivan: Ich würde sagen, wir sind neutral positioniert.
 
Ist ein Turnaround, irgendein positiver Katalysator in Sicht?

O'Sullivan: Leider nein, alle Indikatoren zeigen eine weitere Eintrübung der Konjunktur an. Für einen Einstieg braucht es meiner Meinung nach mehr Volatilität. Wir wollen erst sicher sein, dass die Erdölpreise ihren Boden erreichen, Unternehmensgewinne und makroökonomisches Umfeld sich gebessert und Haushaltsperspektiven sich stabilisiert haben.
 
Haben Sie Favoriten im restlichen osteuropäischen Markt?

O'Sullivan: Nicht ausdrücklich, wir bevorzugen eher die asiatischen Schwellenländer. Osteuropa ist in gewisser Weise im Zwiespalt zwischen der russisch-ukrainischen Dynamik und potenziellen Spillover-Effekten durch das Quantitative Easing der Europäischen Zentralbank.
 
Ist Indien eines Ihrer bevorzugten Länder?

O'Sullivan: Klar. In Sachen Bewertungen wird es zwar langsam eng, Indien hat aber einen beeindruckenden konjunkturellen Umschwung hinter sich. Ich hoffe, dass es dem neuen Zentralbankchef gelingen wird, die Inflation im Zaum zu halten. Taiwan ist ein weiteres interessantes Land aus Investorensicht – und auch China. Der chinesische Markt ist einer von nur vier Märkten, die wir gegenüber unserer Benchmark übergewichten.
 
Ein Thema, das nicht nur Russland unter Druck setzt, ist der niedrige Erdölpreis. Kommt nach dem Crash die Erholung?

O'Sullivan: Die jüngsten Ereignisse im Jemen führen dazu, dass die Preise wahrscheinlich noch ein paar Tage höher liegen werden. Die allgemeine Angebots- und Nachfragesituation läuft aber nach wie vor aus der Balance. Darum glauben wir nicht, dass wir bereits eine Bodenbildung gesehen haben.
 
Wir danken für das Gespräch. (dw)