Die Börse in Istanbul erfreut sich der Aufmerksamkeit eines mysteriösen Händlers, der vor Ort einfach nur "Der Kerl“ genannt wird. " Er kauft von unserem Markt. Warum sollten wir uns darüber Sorgen machen? Er tut gute Dinge“, sagt Himmet Karadag, CEO und Chairman von Borsa Istanbul AS, in einem Interview mit dem Finanzinformationsdienst Bloomberg.

Der anonyme Händler erlangte erstmals Anfang 2016 Bekanntheit. Damals fiel einheimischen Marktteilnehmern eine Serie massiver Wetten auf, die die Richtung des türkischen Aktienmarktes steuerten. Am Montag vergangener Woche beispielsweise standen Kaufaufträge über einen einzelnen Broker, der von dem unbekannten Investor bevorzugt wird, hinter fast der Hälfte des Gesamtvolumens am Istanbuler Anteilsmarkt.Der türkische Leitindex zeigte an jenem Tag die beste Entwicklung weltweit, er kletterte um mehr als drei Prozent.

Der türkische Aktienmarkt, gemessen am MSCI Türkei, ist hochvolatil. Während er in Lokalwährung (Türkische Lira) seit Anfang 2007 stark gestiegen ist, haben Euro-Investoren mit einer "Buy-and-Hold-Strategie" aufgrund einer massiv abwertenden Türkischen Lira nur wenig verdienen können. Offenbar ist der Markt daher ein idealer Tummelplatz für einheimische Trader, die die lokalen Eigenheiten bestens verstehen.

Türkische Aktien: Nur für Inländer lukrativ (Zehn-Jahres-Performance)

Weiße Linie: MSCI Türkei in Lokalwährung (Türkische Lira);  Rote Linie: MSCI Türkei in Euro umgerechnet; Quelle: Bloomberg

Kluge Käufe und Verkäufe
Karadag zufolge hat die Börse Istanbul die Ursprünge der Wetten unter die Lupe genommen. Ein Manipulationsversuch sei dabei nicht festgestellt worden. "‘Der Kerl‘ trifft vernünftige und profitable Investmententscheidungen“, erklärt der CEO. Karadag führt die Handelsgeschäfte aus dem vergangenen Jahr, die mit dem “Kerl” in Verbindung gebracht wurden, auf einen ausländischen Fonds zurück, dessen Namen er nicht nennen will. "Wir kennen die Investoren des Fonds nicht. Und wir wissen auch nicht, ob es dieses Jahr wieder derselbe ist“, sagte er.

Der gesichtslose Händler nutzt Hochfrequenz- und algorithmische Handelsstrategien, die auf den 186 Milliarden US-Dollar schweren Aktienmärkten des Landes künftig wohl häufiger vorkommen werden, meint Karadag. Derzeit würden sie hinter 18 Prozent der Aktivitäten an der Börse Istanbul stehen.

Der Istanbuler Broker Yatirim Finansman – bei dem allgemein davon ausgegangen wird, dass er die Geschäfte von “Der Kerl” ausführt – stach hervor, weil er die größten Geschäfte an vielen der volatilsten Handelstage abwickelte. Auch am Montag der vergangenen Woche war der Broker ein Netto-Käufer in Höhe von 208 Millionen Lira (53 Millionen Euro) an türkischen Aktien, als der Leitindex des Landes den Rest der Welt in den Schatten gestellt hatte. An dem Tag überstieg das Kaufvolumen den des zweitaktivsten Brokers des Tages um fast das Dreifache.

Unbekannter Investor platzierte korrekte Wahl-Wette
Die Bewegungen am Montag der vergangenen Woche sind für Karadag ein Anzeichen dafür, dass der Markt auf ein "Ja“-Votum bei dem am Sonntag stattgefundenen Türkei-Votum gesetzt hatte. Bei diesem haben die Bürger des Landes mit knapper Mehrheit dafür gestimmt, dass ihr Präsident Recep Tayyip Erdogan künftigt über deutlich mehr Macht verfügen wird. "‘Der Kerl‘ hatte das alles schon früher ausgeknobelt und mit den Käufen begonnen“, so Karadag. (aa)