Der Streit um die Beratungsvergütung in Deutschland treibt neue Blüten. Jüngstes Beispiel ist ein Schlagabtausch, den sich BVI-Hauptgeschäftsführer Thomas Richter und Dorothea Mohn, Leiterin des Teams Finanzmarkt beim Bundesverband der Verbraucherzentralen, zu diesem Thema in Form von Kommentaren in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" geliefert haben. Fast schon kurios dabei: Beide, sowohl Richter als auch Mohn, beziehen sich in ihrer jeweiligen Argumentation auf die Situation in Großbritannien, wo seit der Umsetzung des "Retail Distribution Review" (RDR) faktisch ein Provisionsverbot herrscht. Und beide ziehen dabei die Ergebnisse des sogenannten "Financial Advice Market Review" (FAMR) heran, einem inzwischen in mehreren Reports erschienen RDR-Evaluierungsbericht, erstellt vom britischen Finanzministerium und der Aufsichtsbehörde Financial Conduct Authority (FCA).

Den jüngsten Ergebnissen des FAMR zufolge haben in den vergangenen zwölf Monaten nur sechs Prozent der Briten eine Anlageberatung in Anspruch genommen, 94 Prozent gaben an, keinen Bedarf zu haben. Richter kommt zu dem Schluss, damit sei offensichtlich geworden, dass ein simples Provisionsverbot wie in Großbritannien lediglich zu einem führe: einer substanziellen Beratungslücke, die es für Deutschland mit seinem Nebeneinander von Provisions- und Honorarberatung unbedingt zu vermeiden gelte.

Der wunde Punkt der Verbraucherschützer
Damit hat der BVI-Chef offenbar den wunden Punkt der Verbraucherschützer getroffen, denn Mohn schießt scharf zurück, wenn sie kritisiert, solche Behauptungen seien "exemplarisch für die Schamlosigkeit", mit der versucht werde, den notwendigen Systemwechsel in Form eines Provisionsverbots in Deutschland zu verhindern. Die Zahlen des FAMR-Reports seien kein Beleg für eine Beratungslücke, vielmehr habe eine Mehrheit von 94 Prozent der Umfrageteilnehmer einfach keinen Beratungsbedarf.

Beide Sichtweisen erweisen sich bei näherer Betrachtung der Details des britischen FAMR-Reports als unzureichend. Die Diskutanten machen es sich zu einfach. Vor allem verwundert, wie leichtfüßig Verbraucherschützerin Mohn bereit ist, der für jeden Beobachter erkennbar einseitigen Interpretation der britischen Behörden in Bezug auf die Auswirkungen der eigenen RDR-Reform zu folgen. Denn schließlich stellt sich ja schon die Frage, wie plausibel es tatsächlich ist, dass eine satte Mehrheit von 94 Prozent nach der Einführung eines simplen Provisionsverbots auf einmal einfach keinen Beratungsbedarf mehr haben soll. Der Bedarf an privater und betrieblicher Altersvorsorge ist in Großbritannien durch die RDR-Umsetzung sicher nicht geringer geworden.

Wie Beratungsbedarf auf wundersame Weise verschwindet
Im Grunde gibt Mohn mit ihrer starren Forderung nach einem Systemwechsel hin zu einer ausschließlich auf Honorar basierenden Beratung dem BVI-Chef sogar Recht, wenn der mit Hinweis auf die blanken Tatsachen in Deutschland vor einer Beratungslücke warnt, die mit der Einführung eines Provisionsverbots hierzulande drohen würde. Denn dann müsste man wahrscheinlich auch für Deutschland damit rechnen, dass das Fazit eines solchen Verbots einfach lauten würde, dass auf einmal weit über 90 Prozent der Anleger auf wundersame Weise keinen Beratungsbedarf mehr hätten. So kann man natürlich leicht die Augen davor verschließen, dass es sich dabei in Wahrheit eben doch um eine Beratungslücke handeln würde.

Im Grunde geht die gesamte Diskussion also am eigentlichen Kern vorbei. Von daher hat Thomas Richter Recht, wenn er zu einer "Entideologisierung" des Streits auffordert und auf die demnächst geltende, neue rechtliche Situation nach der Umsetzung der EU-Richtlinie Mifid II hinweist. Denn damit wird der potenzielle Konflikt zwischen Provisionsanreiz und Kundeninteresse ohnehin entschärft, weil der Berater den konkreten Betrag der von ihm vereinnahmten Provisionen gegenüber dem Kunden offenlegen muss – noch transparenter als bislang ohnehin schon. Damit erledigt sich die Debatte sozusagen von selbst.

Es geht eigentlich darum, dass Menschen überhaupt vorsorgen
Der gebetsmühlenartigen Forderung nach einem Provisionsverbot durch die Verbraucherschützer wird damit regelrecht der Boden entzogen. Mit der Umsetzung der EU-Richtlinie wird ein "Level Playing Field" geschaffen, auf dem der Kunde die Preise für seine Beratung vergleichen und eben auch selbst entscheiden kann, ob er nun eine Provision, eine Gebühr oder ein Honorar dafür bezahlen möchte.

Von daher wäre es ermutigend, wenn auch die Verbraucherschützer ihre Energie sehr viel stärker dafür einsetzen würden, dass die Menschen hierzulande überhaupt vorsorgen, statt sich im Predigen der vermeintlichen Vorzüge einer ausschließlich honorarbasierten Beratung zu ergehen.