Wem würden Sie eher glauben, wenn Sie nach dem Weg zur Bäckerei fragen? Passant A meint: "Das muss da vorne sein, irgendwo am Marktplatz." Und Passant B sagt: "150 Meter geradeaus, Ecke Goethestraße." Natürlich ist Passant B glaubwürdiger, denn er antwortet viel genauer. In vielen Bereichen des Lebens ist diese Scheinpräzision allerdings tückisch. Beim Weg zur Bäckerei ist das noch unkritisch, selbst wenn sie 163 Meter entfernt sein sollte statt nur 150. Bei den Kostenangaben für Fonds dagegen läuft der Finanzvertrieb Gefahr, sich mit scheinbar präzisen Zahlen selbst ein Bein zu stellen.

Mifid II zwingt Banken, ihren Kunden schon vor dem Abschluss eines Wertpapiergeschäfts alle damit verbundenen Kosten offenzulegen. Das ist gut gemeint, droht angesichts der Komplexität des Themas aber grandios zu scheitern. Am deutlichsten wird das am Beispiel der Schätzwerte für die Transaktionskosten eines Fonds, die in die Produktkosten einfließen. Die Transaktionskosten lassen sich per Definition nicht exakt vorab bestimmen, denn kein Fondsmanager weiß, wie oft er sein Portfolio in den kommenden Monaten anpassen muss und mit welchen exakten Kosten das verbunden sein wird.

Systematisch falsche Ergebnisse
Ehrlich wäre es, mit groben Vergangenheitswerten zu arbeiten. "In den vergangenen fünf Jahren lagen die Transaktionskosten des Fonds bei rund 0,2 bis 0,5 Prozent, irgendwo in dieser Bandbreite dürften sie sich auch in Zukunft bewegen, wir wissen es aber nicht genau." Stattdessen verlangt der Regulator den Anbietern eine präzise Angabe ab, beispielsweise 0,341 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, dass exakt dieser Wert erreicht wird, liegt nahe null. Ausgewiesen wird er dennoch.

Doch es kommt noch schlimmer. Denn einige der Methoden, mit denen die Fondsanbieter ihre Transaktionskosten schätzen sollen, können systematisch zu falschen Ergebnissen führen. So kommt es, dass die Gesellschaften für fast vier Prozent der Fonds mit Vertriebszulassung in Deutschland oder Österreich negative (!) Transaktionskosten ausweisen, wie eine Analyse von FONDS professionell ONLINE auf Basis von Morningstar-Daten zeigt. Bei jeder dritten Anteilsklasse liegt der Wert unter 0,1 Prozent, was die wahren Transaktionskosten in vielen Fällen unterschätzen dürfte. Und genau das könnte sich als Bumerang erweisen.

Ein Einfallstor für Anlegeranwälte
Negative Transaktionskosten verstoßen nicht nur gegen den gesunden Menschenverstand, sie schmälern auch die Produktkosten und lassen einen Fonds auf diese Weise billiger erscheinen, als er tatsächlich ist. Anleger dürfen von ihrer Bank eine Detail-Aufschlüsselung der Kosten verlangen. Spätestens dann muss sie vermeintlich negative oder sagenhaft günstige Transaktionskosten offenlegen. Floppt das Investment, ist das ein Einfallstor für Anlegeranwälte.

Die Banken und Vertriebe tun deshalb gut daran, von den Produktanbietern möglichst realitätsnahe Kostenschätzungen einzufordern, wenn nicht sogar einen bewusst konservativen Ansatz, um erst gar nicht in den Verdacht zu geraten, einen Fonds zu günstig aussehen zu lassen. Und die gesamte Branche muss den Dialog mit den Aufsichtsbehörden suchen, um bessere Schätzverfahren zu etablieren. Hier geht es nicht um den Weg zur Bäckerei, bei dem falsche Scheinpräzision verschmerzbar ist. Sondern um einen Milliardenmarkt.