Jeder, der sich mit Aktienmärkten ernsthaft beschäftigt, weiß: Nur bei ausreichend langem Anlagehorizont ist gewährleistet, dass man als Investor keine Verluste erleiden wird – und auch das gilt nur bei entsprechend breiter Diversifikation. Mit anderen Worten: Wer heute in eine einzelne Aktien investiert, könnte schlimmstenfalls einen Tag danach in der Zeitung lesen, dass "sein" Unternehmen insolvent ist. Das ist zwar unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Wer den Weltaktienindex MSCI "kauft", muss damit nicht rechnen.

Ausreichend diversifiziert muss man also nur entsprechend viel Geduld mitbringen, um als Aktienkäufer "garantiert" nichts zu verlieren. Allerdings könnte diese Geduld ungünstigstenfalls ganz ordentlich beansprucht werden. Vor allem bei älteren Investoren darf dies nicht ignoriert werden.

Der Morningsta-Investment-Trichter zeigt auf Basis historischer Daten, wie lange ein Investor warten musste, bis sein Investment in der Vergangenheit schwarze Zahlen schrieb. Verwendet wurden für diese Berechnung Monats-Renditen von Indizes (in Euro).

Die Tabelle illustriert die drei Szenarien für 25 Jahre. Diesen Szenarien liegt eine Datenhistorie von 555 Monaten per Ende März 2018 (rund 46 Jahre) zugrunde. In die Zeit seit 1972 fielen die Ölkrise, die langjährigen Boom-Jahre der 1980er und 1990er Jahre, die in der Dot.com-Bubble 1999 einmündeten, den Tech-Bust 2000 bis 2002; die Erholung 2003 bis 2007; die Finanzkrise 2008/09 sowie die sensationelle Rally seitdem.

Schlimmstenfalls zwölf magere Jahre
Sehr eindrucksvoll zeigt die von Morningstar erstellte Grafik die Szenarien-Bandbreite.
Dargestellt werden in der Grafik das beste, das ungünstigste und das durchschnittliche Ergebnis. Die blaue Linie bildet den optimalen Verlauf von 25 Jahren ab, die grüne den schlechtestmöglichen, und die graue Linie markiert das durchschnittliche Szenario von 25 Jahren in einer gut 46-jährigen Gesamthistorie.

Den Schnitt bei 25 Jahren erklären die Fondsdatenspezialisten mit ihrer Erfahrung, dass es nicht realistisch ist, mit noch längeren Perioden zu rechnen. Morningstar dazu: "In der Vergangenheit haben Kriege, Pech, Kasinobesuche oder, schlicht und ergreifend, der Eintritt in den Ruhestand den Übergang von der Investment- zur Konsumphase bei Anlegern bewirkt."

Für die Finanzberatung stellt dieser Trichter eine brauchbare Arbeitsgrundlage dar. Die mögliche Ergebnisbandbreite reiner Aktieninvestments lässt sich kaum besser vermitteln. Die Grafik zeigt, dass man als Aktienkäufer schlimmstenfalls auch eine zwölf Jahre dauernde Durststrecke erleben kann. Das klingt zwar erschreckend, ändert man aber die Blickrichtung, ist es eigentlich beruhigend: Wer diese zwölf Jahre Geduld aufbringt, wird auch die schmerzhaftesten Verlustphasen überstehen. Und wer "Glück" hat und günstig einsteigt, kann auch zehn Jahre lang fast 20 Prozent Ertrag erwirtschaften. Klammert man solche Extremwerte aus, zeigt sich, dass man im Durchschnitt ab dem ersten Jahr mit positiven Renditen rechnen darf. Wichtig ist, dass potenziellen Käufern eines Aktienfonds diese Daten bekannt sind und sie damit leben können.

Kritik an der Analyse
Morningstar widmet sich auch dem – berechtigten – Einwand, dass sich die Welt weiterentwickelt und dass auch die Inflation eine Rolle spielt. Derlei Kritik sei zulässig, gehe aber insofern ins Leere, als es hier nicht darum gegangen sei, eine reale Rendite-Historie aufzuführen, sondern zu illustrieren, was die vielzitierte Tendenz "Reversion to the Mean", also mithin die Rendite-Glättung im Zeitverlauf, in der Realität bedeute. (gf)