Die Deutsche Börse stellt den Entry Standard ein und wird zum 1. März 2017 ein neues Börsensegment für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) schaffen. Damit sollen Börsengänge für junge als auch mittelständische Unternehmen wieder interessanter gemacht werden.

Die Deutsche Börse setzt bei diesem neuen KMU-Segment im Vergleich zum Entry Standard auf erhöhte Qualitätsanforderungen an die Unternehmen. Diese müssen anspruchsvollere Zulassungskriterien erfüllen, um in das neue Segment aufgenommen werden zu können. Dadurch soll das neue Segment, das momentan noch keinen Namen hat, auch für in- und ausländische Investoren interessanter werden.

Fünf Leistungskennzahlen
Voraussetzung ist zunächst, dass mindestens drei von fünf Leistungskennzahlen erfüllt werden. Beispielsweise muss das Unternehmen bei der Emission von Aktien über positives Eigenkapital verfügen, einen Jahresumsatz von mindestens zehn Millionen Euro und einen Jahresüberschuss erwirtschaften. Außerdem muss das Eigenkapital positiv sein. Bereits vor dem Börsengang muss das Unternehmen ein Eigenkapital in Höhe von fünf Millionen Euro eingesammelt haben und mindestens 20 Mitarbeiter beschäftigen.

Zwingend erforderlich ist ferner, dass die Marktkapitalisierung des neu gelisteten Unternehmens mindestens 30 Millionen Euro beträgt. Der Anteil des Streubesitzes (Free Float) sollte mindestens 20 Prozent betragen.

"Einbeziehungsdokument" statt Wertpapierprospekt
Im Unterschied zum Entry Standard ist für das neue Segment nicht immer die Erstellung eines aufwändigen Wertpapierprospekts erforderlich. Bei sogenannten Privatplatzierungen an nur ausgewählte institutionelle Investoren und in den Fällen, in denen das Unternehmen nur im neuen Segment gelistet sein möchte, ohne Aktien an Investoren zu verkaufen, genügt der Deutschen Börse die Erstellung eines sogenannten Einbeziehungsdokuments. In diesem muss das Geschäft und die Risiken des Unternehmens zwar auch dargestellt werden, allerdings nicht so umfangreich wie bei einem Wertpapierprospekt. Außerdem muss das Einbeziehungsdokument nicht von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) genehmigt werden.

Sogenannte Kapitalmarktpartner (Capital Market Partner) wie Banken, Anwälte, Wirtschaftsprüfer und Investor-Relations-Berater sollen künftig bei der Betreuung der Emittenten sowohl während als auch nach dem Börsengang stärker in die Verantwortung genommen werden. Vor dem Initial Public Offering (IPO) prüfen und unterstützen sie die Emittenten bei der Erstellung der erforderlichen Dokumentation und führen eine sogenannte Due-Diligence-Prüfung durch. Nach dem Börsengang helfen sie den Unternehmen, die nötigen Transparenzregelungen (Pflicht zur Veröffentlichung von Ad-hoc-Mitteilungen, Erstellen von Insiderlisten, Veröffentlichung von Eigengeschäften von Führungskräften) zu beachten.

Research-Reports von unabhängigen Analysten
Zusätzliches Vertrauen bei den Investoren sollen außerdem regelmäßig sogenannte Research-Reports von unabhängigen Analysten schaffen. Diese werden von der Deutschen Börse beauftragt und sowohl anlässlich des Börsengangs als auch fortlaufend erstellt.

Unternehmen, die bereits im Entry Standard gelistet sind, haben bis zum 24. März 2017 die Möglichkeit, unter erleichterten Bedingungen in das neue Segment einbezogen zu werden. Wollen oder können sie dies nicht, werden sie von der Deutschen Börse in ein sogenanntes "Basic Board" überführt, das ebenfalls Teil des Freiverkehrs ist.

Wenn bislang im Entry Standard gelistete Unternehmen in das neue KMU-Segment wechseln wollen, müssen bis zum 24. März 2017 einen Antrag bei der Deutschen Börse stellen, um aufgenommen zu werden. Drei der vier folgenden Voraussetzungen sollten sie dann erfüllen können: Das Unternehmen muss mindestens 20 Mitarbeiter haben, profitabel sein, über ein positives Eigenkapital verfügen oder jährlich mindestens zehn Millionen Euro umsetzen. Die Mindestmarktkapitalisierung muss allerdings nur zehn Millionen Euro betragen – anstatt der normalerweise geforderten 30 Millionen Euro. Für den Segmentwechsel berechnet die Börse den Unternehmen aus dem Entry Standard darüber hinaus kein Einbeziehungsentgelt.

20.000 Euro Aufnahmegebühr
Die Kosten für die Aufnahme in das neue Segment betragen für Aktienemittenten einmalig 20.000 Euro. Außerdem wird eine zusätzliche Gebühr für Unternehmen mit einem Marktwert von über 30 Millionen Euro erhoben, die mit zunehmender Marktkapitalisierung weiter steigt. Die laufende Notierung kostet Aktienemittenten 20.000 Euro pro Jahr.

Für Emittenten von Anleihen beträgt sowohl die Listing- als auch die Notierungsgebühr jeweils 10.000 Euro pro Jahr. Die von der Börse verpflichtenden Research-Berichte sind in diesen Gebühren bereits inbegriffen, da diese Berichte von der Deutschen Börse selbst in Auftrag gegeben werden.

Positive Entscheidung
Die Einführung des neuen KMU-Segments ist grundsätzlich eine positive Entscheidung der Deutschen Börse. Der erhöhte Qualitätsanspruch des neuen Segments kann dazu führen, dass kleine und mittelständische Unternehmen es leichter haben, Investoren aus dem In- und Ausland für sich zu interessieren und damit erfolgreich an die Börse zu gehen.


Jörg Baumgartner ist Rechtsanwalt und Senior Associate im Bereich Kapitalmarktrecht im Frankfurter Büro von CMS.