Hannes Peterreins hat eine Vita, die für einen Vermögensverwalter und Anlageberater sicherlich nicht alltäglich ist. Er studierte sowohl Mathematik als auch Philosophie, das Thema Geldanlage entdeckte er erst durch einen Nebenjob für sich: Ein Vermögensverwalter hatte sich einen PC gekauft, kam damit aber nicht zurecht, also richtete Peterreins ihm ein System zur Renditeberechnung ein und kümmerte sich um die Wertpapierbuchhaltung. Mit zwei Studienabschlüssen in der Tasche ging er zur Allianz, wo er bald das Risikocontrolling der weltweiten Kapitalanlagen des Versicherungskonzerns verantwortete. 1998 machte er sich dann mit Lizenz der Finanzaufsicht Bafin als Vermögensverwalter in München selbständig. Im Interview mit FONDS professionell ONLINE sollte es eigentlich nur um das Gesetz zur Honorarberatung gehen. Doch dann entwickelt sich das Gespräch zur Generalabrechnung mit einer Branche, in der sich seiner Meinung nach viele Leute deutlich zu wichtig nehmen.

Herr Peterreins, Sie sind einer der wenigen Bafin-überwachten Anlageberater, die schon seit Jahren für Honorar statt Provision arbeiten. Werden Sie unter das neue Honoraranlageberatungsgesetz gehen, das zum 1. August in Kraft tritt?

Hannes Peterreins: Nein, mit Sicherheit nicht.

Nein? Warum nicht?

Peterreins: So hart es klingt: Die deutschen Regeln sind zum Schaden des Kunden. Ein Beispiel: Ich empfehle immer passive Investments, weil aktives Management meiner Überzeugung nach auf Dauer keinen Mehrwert bringt, insbesondere nicht nach Berücksichtigung aller Kosten. Es kommt allerdings vor, dass ein Kunde sein Vermögen von mir betreuen lassen will, aber darauf beharrt, einen seiner liebgewonnenen aktiv verwalteten Fonds zu behalten. Ich versuche ihn zu überzeugen, dass dieses Investment mit hoher Wahrscheinlichkeit nichts bringen wird, will ihn aber nicht bevormunden. Also bekomme ich eine Bestandsprovision für diesen Fonds, ob ich will oder nicht. Im Gegenzug kann ich die Honorarrechnung deutlich niedriger ansetzen oder ganz streichen. Als Honorar-Anlageberater gemäß dem neuen Gesetz wäre das verboten. Das aber wie gesagt eher zum Nachteil des Kunden.

Auch Honorarberater dürfen Provisionen annehmen, vorausgesetzt, sie leiten sie ungemindert und unverzüglich an ihre Kunden weiter.

Peterreins: Für den Kunden ist das wirtschaftlich aber völliger Unsinn. Auf die Bestandsprovision, die ich weiterleite, muss der Kunde Abgeltungsteuer zahlen. Außerdem muss ich dann ein höheres Honorar verlangen, auf das wiederum Mehrwertsteuer fällig ist. Damit bei mir unter dem Strich das gleiche ankommt, zahlt der Anleger also deutlich mehr. Daher ist es im Sinne des Kunden, dass ich eine Provision, die sich nicht vermeiden lässt, auch annehme. Diese Flexibilität lässt das neue Gesetz leider nicht zu. Wie gesagt, meiner Meinung nach zum Schaden des Kunden.

Der Gesetzgeber hat es auch nicht einfach: Lässt er unter dem Label "Honorarberatung" Mischmodelle zu, besteht die Gefahr, dass unseriöse Vermittler dieses positiv besetzte Schlagwort für sich verwenden und dennoch doppelt kassieren.

Peterreins: Die Diskussion geht meiner Meinung nach ohnehin in eine falsche Richtung. Die Politik tut so, als sei Honorarberatung per se gut und Provisionsberatung per se schlecht. Das ist Quatsch. Es gibt gute Beratung auf Provisionsbasis und leider auch den größten Mist gegen Honorar. Entscheidend ist nicht, wie die Beratung finanziert ist, sondern die Moral und die fachliche Kompetenz des Beraters. Ihm sollte daran gelegen sein, eine nachhaltige Kundenbeziehung aufzubauen. Ziel muss sein, dass sich der Anleger nicht nur gut beraten fühlt, sondern es faktisch nach möglichst objektiven Kriterien auch ist.

Moral lässt sich nun mal nicht gesetzlich verordnen. Sicherlich kann auch eine Beratung gegen Honorar schlecht sein, aber der Kunde kann sich immerhin sicher sein, dass ein wesentlicher Interessenkonflikt ausgeräumt ist: Der Vermittler empfiehlt ihm ein Produkt nicht nur deshalb, weil er dafür eine Provision erhält.

Peterreins: Auch in der Honorarberatung gibt es sehr oft einen Interessenkonflikt: Man muss dem Kunden Beratungs- und Handlungsbedarf einreden, mit dem Ziel, ihn langfristig für sich zu gewinnen und eine jährliche Gebühr abhängig vom betreuten Vermögen in Rechnung stellen zu können. Eine Beratung ausschließlich auf Stundenbasis lohnt sich bei den üblichen Sätzen um die 150 Euro schlicht nicht. Da müsste man mindestens das Doppelte verlangen, und das will niemand zahlen.

Sie bieten beides an: Die Beratung gegen Stundenhonorar und die Betreuung gegen volumenabhängige Gebühr. Unterliegen also auch Sie der Versuchung, Kunden Beratungsbedarf einzureden, den sie vielleicht gar nicht haben?

Peterreins: Zum Glück betreue ich einige sehr große Mandate, auf neue Kunden bin daher nicht angewiesen. Am wohlsten fühle ich mich tatsächlich mit einem Angebot, das es sonst auf dem Markt kaum gibt: Ich analysiere die finanzielle Situation eines Klienten und gebe ihm dann konkrete Umsetzungsvorschläge an die Hand, die er bei einer Direktbank kostengünstig selbst umsetzen kann. Es kommt auch vor, dass ich einem Anleger nach einer umfassenden Zielanalyse rate, einfach alles aufs Tagesgeldkonto zu packen, weil er gar keine hohe Rendite braucht. Einen solchen Ratschlag kann eine Bank oder ein Berater, der jährliche Gebühren vereinnahmen möchte gar nicht geben – das gibt das Geschäftsmodell nicht her. Erhält der Honorarberater beispielsweise 0,5 Prozent des betreuten Vermögens, kommt eine solch einfache Lösung wie ein Tagesgeldkonto nicht in Frage, denn dann verdient der Klient ja nichts mehr. Stattdessen werden Anleihenportfolios vorgeschlagen, bei denen der Kunde, wenn man sauber durchrechnet, unterm Strich sogar weniger Rendite zu erwarten hat im Vergleich zu simplen Tagesgeldkonten. Daher agieren auch viele Honorarberater nicht wirklich unabhängig, selbst wenn sie komplett auf Provisionen verzichten. Man sollte sich hier nicht von dem Schein der Unabhängigkeit täuschen lassen, der manchmal tatsächlich nicht vorhanden ist.

Na ja, es wird aber wenige Kunden geben, die gar keinen Beratungsbedarf in Finanzdingen haben.

Peterreins: Wirklich groß ist er allerdings auch nur selten. In den meisten Fällen reicht es, einige wenige Grundregeln zu beachten. Unsere Branche tut immer so, als sei Geldanlage furchtbar kompliziert, dabei stimmt das überhaupt nicht. Die Banken und Fondsanbieter erstellen Research-Berichte und geben Kapitalmarktprognosen ab, als wüssten sie, was die Zukunft bringt. Das alles dient nur dazu, ihre Tätigkeit zu mystifizieren. Beim Thema Geld regiert der Aberglaube. Die Börse erscheint völlig unverständlich, also denken die Leute, da müsse es irgendwelche geheimen Ursachen geben. Das ist wie vor 3000 Jahren: Wenn der Blitz eingeschlagen hat, haben sich die Menschen das damit erklärt, dass Zeus zürnt und seinen Speer geschleudert hat. Also haben sie ihm Opfer gebracht, um ihn zu besänftigen.

Wer hohe Gebühren für seine Bank oder seinen Fonds löhnt, bringt Ihrer Meinung nach also ein Opfer? Nach dem Motto: Wenn ich dem so viel zahle, wird der schon wissen, wie die Kapitalmärkte funktionieren?

Peterreins: Ja, so kann man das sehen. Selbst bei vielen Finanzprofis regiert der Aberglaube. Nassim Taleb beschreibt in einem seiner Bücher die Szene, wie ein Händler nicht mehr mit seinem blauen Hemd ins Büro kam, weil er beim letzten Börsencrash dieses Hemd anhatte. Er meinte, dieses Kleidungsstück sei verzaubert. Dabei hat Investieren wirklich nichts mit Zauberei zu tun. Es ist höchste Zeit, die Finanzbranche zu entmystifizieren – unseren eigenen Beruf mit eingeschlossen. Wie gesagt: Geldanlage ist keine Raketentechnologie. Wer sich auf das Thema einlässt und sich damit beschäftigt, bekommt das alleine hin. Ich sehe mich einfach nur als Dienstleister für Leute, die sich selbst nicht um ihr Geld kümmern wollen. Wie ein Gärtner, der den Rasen mäht, weil der Hausbesitzer keine Lust dazu hat. Oder nehmen Sie den Reifenwechsel: Das kann man auch alleine, viele gehen aber lieber in die Werkstatt. In Wahrheit könnte man ohne weiteres auf unsere Branche verzichten. Viele Kollegen laufen Gefahr, ihre eigenen Fähigkeiten zu überhöhen.

Zu sehr müssen Sie Ihre Qualifikation aber auch nicht kleinreden.

Peterreins: Natürlich habe ich Spezialwissen, das lasse ich mir ja auch honorieren. Aber das hat der Kfz-Meister auch. Er wechselt einen Reifen deutlich schneller als ich.

Erzählen Sie das so auch Ihren Kunden?

Peterreins: Ja. Und ich habe den Eindruck, dass sie froh darüber sind, dass endlich mal jemand aus der Finanzbranche offen mit ihnen redet. Mit Ehrlichkeit kommt man meistens wirklich weit im Leben. (bm)