"Sell in May and go away" ist eine der bekanntesten Börsenweisheiten und besagt, dass sich Anleger im Mai wegen sinkender Renditen aus dem Aktienmarkt zurückzuziehen sollten. Das Problem mit Weisheiten ist aber, dass sie nicht unbedingt einer wissenschaftlichen Analyse standhalten, wie jüngst drei Finanzexperten ausführten (FONDS professionell ONLINE berichtete).

Dieser Bericht hat aber einen Kommentar von Thomas Hupp hervorgerufen. In diesem erhebt er Widerspruch gegen die Zweifel der drei Experten an dem wissenschaftlichen Fundament der Weisheit. Hupp, einer von zwei Geschäftsführern des Freiburger Vermögensverwalters 4DS-Vermögensplanung, ist sozusagen vom Fach: Er promoviert derzeit nicht nur zu der auch Halloween-Effekt genannten "Weisheit" bzw. dem dahinter stehenden Phänomen, sondern er managt mit dem Dachfonds MSF 4D-Asset-Oszillator auch eines der raren Finanzprodukte, die auf eine Saisonalitätsstrategie setzen. FONDS professionell ONLINE hat ihn daher zu den wissenschaftlichen Grundlagen des Halloween-Effekts und den Gründen dafür befragt, warum sein Fonds, im Gegensatz zu den meisten anderen Mischfonds, seit Lancierung im Oktober 2011 eine negative Performance aufweist.

Herr Hupp, was versteht man unter dem Halloweeneffekt?

Thomas Hupp: Der Halloween-Effekt ist eine Kalenderanomalie an den Aktienmärkten. Sie zeigt sich darin, dass die Renditen an den Aktienmärkten von November bis April höher sind als die Renditen, die von Mai bis Oktober erzielt werden. Allerdings nutzt der Effekt nur Anlegern, die Ende des Sommers bei einem niedrigen Kursniveau Aktien kaufen und diese am Frühlingsende verkaufen. Die Masse der Investoren, deren Kaufzeitpunkt eher zyklisch ausgerichtet ist, nutzt diese Kalenderanomalie nicht als Renditequelle.

Betrifft dieser Effekt nur Aktien oder auch Renten bzw. Rohstoffe?

Hupp: Er betrifft die meisten Aktienmärkte und zeitversetzt einige Rohstoffe wie beispielsweise Öl und Gas. Bei Renten existiert er nicht.

Sie haben zu dem Thema eine Master-Arbeit geschrieben. Wie stark sind die statistischen Belege für diesen Effekt?

Hupp: Es gibt einige wissenschaftliche Studien, die den Effekt signifikant belegen. Professor  Dr. Jacobsen von der  Massey University of New Zealand  hat beispielsweise in einer seiner Publikationen 108 Aktienmärkte, bis ins Jahr 1695 zurückgehend, auf einen Halloween-Effekt untersucht und diesen in 81 Fällen mit einem Signifikanzniveau von 99 Prozent gefunden. In meiner Master-Thesis habe ich mich selber besonders mit dem Unterschied zwischen einer Halloween-Strategie mit internationalen Aktien und Renten im Vergleich zu dem typischen Mischfonds, der nach dem Capital Asset Pricing Model allokiert, beschäftigt. Das Ergebnis war, dass Anleger mit einer auf Zeiträumen basierenden Anlagestrategie in den vergangenen zehn Jahren eine Performance von 207 Prozent bei nur zwei Verlustjahren erzielt hätten. Dagegen hätte der klassische Mischfonds eine Performance von 97 Prozent bei vier Verlustjahren erzielt.  

Existieren wissenschaftlichen Erklärungen für diesen Effekt?

Hupp: Da gibt es bisher nur Vermutungen. Professor Jacobsen verwies auf den möglichen Einfluss des Öls, was aber nicht belegt werden konnte. Eine geringere Liquidität am Aktienmarkt über die Sommermonate konnte als Ursache ebenfalls ausgeschlossen werden. Ich schreibe gerade an meiner Doktorarbeit zu diesem Thema und möchte keine Resultate vorwegnehmen. Es sieht aber so aus, als ob der Effekt auf irrationalem Anlegerverhalten basiert, welches im Herbst besonders ausgeprägt ist, wofür es auch Studien gibt. Man kann es etwas salopp so formulieren, dass die Marktteilnehmer schlechter gelaunt sind, wenn die Tage kürzer werden, kein Risiko mehr eingehen wollen und daher Aktien verkaufen.  Im Frühjahr, wenn die Tage länger werden, steigen Optimismus und damit auch die Risikofreude wieder an, die sich in vermehrten Aktienkäufen zeigt. Derjenige, der den Halloween-Effekt nutzt, gewinnt deshalb, wie eingangs erwähnt, weil er antizyklisch Aktien im Herbst kauft, wenn andere verkaufen.

Wie gut sind diese Erklärungen als Grundlage für eine Investmentstrategie?

Hupp: Die Erklärungen und die existierende Studien geben die Gewissheit, dass wir auch in Zukunft mit dem Halloween-Effekt rechnen können, was man wiederum für Anlageentscheidungen nutzen kann. Man muss sich die Aktienmärkte wie einen Ozean mit Fallwinden vorstellen und das Fondsmanagement mit den Segeln eines Bootes. Wenn man weiß, wenn auch nicht genau, dass Herbststürme ein Boot zurückwerfen und im Frühjahr die Winde und Strömungen günstig sind, dann kann man einen Fonds entsprechend steuern.

Ihr Fonds hat seit Auflagenbeginn im Oktober 2011 ein Minus von über zwei Prozent eingefahren, während Mischfonds mit herkömmlichen Strategien zweistellige Renditen vorweisen können. Was sind die Gründe dafür?

Hupp: Die Performance hat verschiedene Ursachen. Innerhalb einer Halloween-Strategie sind  viele Entscheidungen zu treffen. Wir hatten 2012 und 2013 das Pech, dass der übliche Herbststurm schon sehr früh im Jahr aufkam, weshalb die Aktienkurse ihren Tiefpunkt nicht wie in 70 Prozent der Fälle im Herbst, sondern in den Monate Mai und Juni hatten. Die Erholungsphase der Märkte war dann im Sommer und nicht im Winter. Dadurch haben wir viel Performance liegen lassen. Die fallenden Rentenmärkte haben letztes Jahr den Rest dazu getan. Der Betrachtungszeitraum ist aber zur Überprüfung der Anlagestrategie zu kurz. Wir verfolgen die Halloween-Strategie für unsere Kunden in der individuellen Vermögensverwaltung bereits seit Oktober 2009. Über diesen Zeitraum haben wir eine Performance von 24 Prozent erzielt.

Sollte man daher die Saisonalitätskarte nicht nur für zwei Monate spielen, wie es der Daxplus Saisonality Index durch das Aussetzen von Investitionen im August und September macht?

Hupp: Das denke ich nicht. Wenn man sich die Entwicklung des DAXplus Saisonality Index anschaut, so sieht man, dass die Strategie nur 2011 aufging, weil der Aktiencrash in diesem Jahr im August stattfand. Wäre dieses Jahr nicht gewesen, hätte die Anlagestrategie seit 2005 nicht mehr funktioniert. Ich bin generell misstrauisch, was  feste Wechselzeitpunkte von Aktien in Cash und zurück angeht, was wir auch nicht machen. Wir können aus der Vergangenheit durch Studien zwar viele Erkenntnisse über die Saisonalität der Aktienmärkte ableiten. Doch ist es absurd zu glauben, dass wir exakte Zeitpunkte berechnen können, die für alle Ewigkeit die zukünftigen optimalen Ein- und Ausstiegszeitpunkte voraussagen.

Wir danken für das Gespräch. (jb)