Das Vertrauen ins Geld ist beschädigt, daran besteht kein Zweifel. Wer zu viel davon besitzt, flüchtet  in Gold, Immobilien und Ackerland – manche scheinen in ihrer Not sogar Bitcoins für die bessere Alternative zu halten. Und dieses Misstrauen ist angebracht. Nichts, das sich derartig beliebig vervielfachen lässt, wie das bei unserem Geld der Fall ist, kann besonders wertvoll bzw. werthaltig sein. Der Grund für das Misstrauen heißt Schulden. Sieht man vom Bargeld ab, ist unser Geld „Schuldgeld“. Es entsteht, wenn jemand bei einer Bank einen Kredit aufnimmt. Diese Systematik, die natürlich auch eine Zinslast mit sich bringt, bewirkt unter anderem, dass die Geldmenge nur wachsen kann, wenn die Schulden wachsen. Und umgekehrt: zahlen alle – Staat, Unternehmen und Bürger – tendenziell Schulden zurück, sinkt die Geldmenge, womit der Wirtschaft Manövriermasse verloren geht. Außerdem sind es die Banken – und nicht der Staat oder die Notenbank –, die unser Geld erzeugen und verteilen.

Diese Tatsache wurde Teilen der Bevölkerung erst im Verlauf der Finanzkrise klar, der Großteil kennt sie aber bis heute nicht. In der Schweiz dürften es demnächst bald viel mehr Menschen erfahren, denn eine Initiative für Vollgeld will den Banken dieses Privileg entziehen, sie schlägt vor:

Führen wir ein, wovon viele denken, dass es schon so sei:

  • Allein die Nationalbank soll künftig elektronisches Geld erzeugen.
  • Dann können Banken kein eigenes Geld mehr schaffen, sondern nur noch Geld verleihen, das sie zur Verfügung gestellt bekommen haben.
  • Die Finanzbranche soll in den Dienst der Realwirtschaft und der Gesellschaft gestellt werden.


Die Idee sieht vor, dass die grundsätzliche Verkettung von Geld und Schulden gelöst wird. Die bestehende Geldmenge wird sozusagen eingefroren und in Zukunft nur noch auf Initiative der Notenbank im Gleichschritt mit dem Wirtschaftswachstum vergrößert. Die Banken dürfen nur mehr Geld verleihen, das sie tatsächlich haben (Eigenkapital, Kundeneinlagen) bzw. sich bei der Notenbank geliehen haben.

Was radikal klingt und sofort befürchten lässt, dass es einen Systemzusammenbruch auslösen könnte, bewirkt nach Einschätzung der Initiatoren das Gegenteil. Einlagen bei Banken würden von diesen nur noch treuhändisch verwaltet (wie bei Wertpapierdepots), der Kunde wäre nicht länger Gläubiger der Bank, die Gefahr von Bank-Runs wäre somit hinfällig. Da die Banken in einem solchen System auch weniger finanziellen Spielraum hätten, wären ihre Eigenhandelsaktivitäten stark eingeschränkt, was wiederum – so die Hoffnung der Initiative – die Gefahr von Blasenbildungen an den Finanzmärkten senken würde. Und schließlich würden die Einnahmen aus der Geldschöpfung beim Staat landen.

Auf ihren Internetseiten beantwortet die Initiative viele Detailfragen und man erkennt, dass man sich hier ernsthaft Gedanken darüber gemacht hat, ob und wie ein solcher Schritt funktionieren würde. Die interessanteste Frage, nämlich wie die Umstellung auf das neue System funktionieren soll, wird so beantwortet:

"Die Umwandlung des gegenwärtigen Banken-Giralgeldes in vollwertiges Nationalbank-Geld geschieht an einem festgelegten Stichtag. Die Banken übergeben ihre täglich fälligen Kundenverbindlichkeiten (Ansprüche auf Auszahlung auf Bargeld) an die Nationalbank, weil diese nun die Herstellerin des vorher aus dem Nichts entstandenen Giralgeldes ist. Die Umdeklaration umfasst alles Giralgeld auf den Privat- und Tagesgeldkonten der Banken. Für die Kunden ändert sich nichts und die Banken bekommen einfach einen neuen Gläubiger. Die Banken haben nun weniger Kundenverbindlichkeiten aber in gleicher Höhe Verbindlichkeiten gegenüber der Nationalbank.

Diese Nationalbank-Verbindlichkeiten sollen die Banken schrittweise innert einem angemessenen Zeitraum bis 10 bis 20 Jahren tilgen. Das können sie aus Rückzahlungen ihrer Kunden und neuen Spareinlagen. Wenn Geld durch Kredite erzeugt wird, verschwindet es wieder bei der Rückzahlung des Kredites. Wenn also Banken Nationalbank-Verbindlichkeiten tilgen, wird Geld aus dem Wirtschaftskreislauf gezogen, wo es dann fehlt. Das muss wieder aufgefüllt werden. Deshalb zahlt die Nationalbank entsprechend viel neues Vollgeld schuldfrei an den Staat oder die Bürgerinnen und Bürger aus, so dass die Geldmenge stabil bleibt. Schuldfrei erzeugtes Geld bleibt im Unterschied zu krediterzeugtem Geld bestehen, weil es nicht zurückbezahlt werden muss.
Dieser Vorgang wiederholt sich in Schleifen immer wieder. Denn schuldfrei ausbezahltes Geld landet durch Tilgungen von Staatsschulden oder Ansparungen großteils letztlich wieder bei den Banken, die damit weitere Nationalbank-Verbindlichkeiten tilgen können. So wird schrittweise das bisherige krediterzeugte Geld in schuldfreies Geld umgewandelt."

Dass die Idee der Schweizer keineswegs absurd ist, zeigt die Tatsache, dass eine IWF-Studie aus dem Jahr 2012 mit dem Titel "The Chicago Plan Revisited" von Jaromir Benes und Michael Kumhof das Thema aufgreift und zu einem günstigen Ergebnis gelangt. Die Autoren glauben, dass eine solche Umstellung auf „Vollgeld“ das generelle Schuldenniveau und die Inflation und die Gefahr von Bank-Runs senken würde. Der Titel des Papiers bezieht sich darauf, dass es schon 1930 einen von Ökonomen der Universität von Chicago entwickelten Vorschlag in diese Richtung gab, der damals nicht aufgegriffen wurde.

Gibt es auch Gegenstimmen? Natürlich, nicht alle finden es wünschenswert, dass der Staat das Monopol zur Geldschöpfung zurückerhalten soll. Kritiker der Idee befürchten, dass gerade dieser Schritt die Gefahr von Inflation und Hyperinflation deutlich vergrößern würde. Was in der Schweiz funktionieren könnte – seit Einführung der Schuldenbremse im Jahr 2003 wurde die Schuldenquote gemessen am BIP von 79 Prozent (2005) auf zuletzt 45 Prozent (2013) gesenkt –, könnte in anderen Ländern durchaus ins Auge gehen.

Derzeit laufen die Vorbereitungen für eine eidgenössische Volksinitiative, sie startet im Mai dieses Jahres, binnen 18 Monaten benötigt sie dann 100.000 Unterstützer, um die angestrebte Änderung der Verfassung in Gang setzten zu können. Werden die Stimmen erreicht, kommt es zur Abstimmung, bei der alle Wahlberechtigten mitmachen können. Bisher haben mehr als 62.000 Schweizer unterschrieben.

Diese Initiative – sollte sie die genannte Hürde überwinden – wird voraussichtlich weltweit beachtet werden und möglicherweise auch bei uns ähnliche Aktionen in Gang setzen. Es wird daher äußerst spannend sein, die Entwicklung in der Schweiz zu verfolgen. Wer einen Kredit, denominiert in Schweizer Franken hat, sollte die Entwicklung übrigens besonders genau beobachten.

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels stand, dass die Initiative die benötigten Unterschriften bis Mai dieses Jahres erhalten muss. Wir bedauern den Irrtum.