In der Eurozone kriselt es an allen Ecken und Enden. Der Unwille bei Politik und Bürgern, Reformen zu akzeptieren und umzusetzen, dürfte die Fliehkräfte in Europa weiter verstärken, sagt Thomas Böckelmann, Investmentchef von Euroswitch. "Vor diesem Hintergrund hat die Europäische Zentralbank (EZB) keine andere Wahl, als ihre Politik des Gelddruckens ungehemmt fortzusetzen."

Die jüngste Kritik an der EZB, vor allem von deutscher Seite, hält Böckelmann für überzogen. Er betont: Negativzinsen sind zwar eine Fehlentwicklung mit teuren Nebenwirkungen. Aber als größtes Euroland dürfte Deutschland in den kommenden Jahren davon profitieren. "Niemand hindert Deutschland daran, diese einmalige historische Chance, für eine Kreditaufnahme bezahlt zu werden, zu nutzen, um etwa die Sanierung der Infrastruktur zu finanzieren."

Reformen, Reformen, Reformen
Man könne der EZB nicht vorwerfen, die Notwendigkeit von Reformen herunterzuspielen, sagt der Euroswitch-Experte. Mario Draghi wiederholt seine mahnenden Worte an die Politik seit Jahren in jeder Pressekonferenz der Notenbank. "Wer behauptet, dass erst die Zinspolitik der EZB den Reformdruck von den Politikern nehme, berücksichtigt nicht, dass die EZB verantwortungslos handeln würde, wenn sie sich auf die Reformbereitschaft anderer verließe", so Böckelmann.

Auch wenn viele EZB-Worte zur Deflationsgefahr wohl als Alibi für die nötigen Staatsfinanzierungen dienen, trägt die Geldpolitik Früchte: Das Wachstum in der Eurozone beträgt annualisiert 1,6 Prozent, und beim Abbau der Arbeitslosigkeit gibt es Fortschritte. Eine Abkehr vom derzeitigen geldpolitischen Kurs ist deshalb unwahrscheinlich, urteilt Böckelmann. "Das Phänomen negativer Zinsen wird uns mit allen Nebenwirkungen noch eine lange Zeit begleiten." (fp)