Sie sind entweder ein Bombeninvestment oder der größte Nepp aller Zeiten – kommt drauf an, wen man fragt. Gemeint sind Bitcoin, Ethereum und andere digitalen Devisen, ihr raketenhafter Aufstieg, ihr jäher Absturz – und ihre aktuelle Wiederauferstehung. Denn seit einigen Tagen geht es mit den Kursen der "Schein-Währungen" wieder nach oben.

Skeptiker ficht das nicht an. Ein flüchtiger Blick in die Geschichtsbücher müsste Gutgläubigen zeigen, dass es sich dabei um nichts weiter als eine klassische Spekulationsblase handelt, deren Muster der "Tulpenmanie" aus dem 17. Jahrhundert stark ähnelt – der ersten gut dokumentierten Hysterie der Historie, so ihr Argument. Viele Ökonomen und Investmentexperten finden den oft herangezogenen Vergleich derart charmant, dass sie ihn sofort weiter verbreiten. Die Sache hat nur einen Haken: So, wie oft behauptet, haben die "Tulpen-Tollheiten" nie stattgefunden, hat eine Geschichtsforscherin nun enthüllt.

Zwiebeln als Zierde...
Für alle, die nicht selbst dabei waren, hier das Wesentliche in Kurzform: Laut Überlieferung kam die "Tulpia" – im Jahr 1593 vom Wiener Botaniker Carolus Clusius aus der Türkei nach Holland eingeführt – um 1630 zu ungeahnter Popularität. Binnen Kurzem avancierte sie zum neuen Statussymbol. Damen der holländischen Oberschicht trugen das Zwiebelgewächs als Haarschmuck zu gesellschaftlichen Anlässen, um nur ein Beispiel der öffentlichen Zurschaustellung zu nennen.

Das gemeine Volk wird infiziert, das Liliengewächs ist plötzlich Mode. Doch es gibt ein Problem: Die Planzen sind nicht nur mega-in, sondern auch mega-sensibel – sprich: kälteempfindlich – und blühen nur kurz. Doch schon damals regt das den Einfallsreichtum pfiffiger Händer an: Weil die Nachfrage das witterungsbedingt knappe Angebot bei Weitem übersteigt, beginnen sie, die begehrte Ware echten Tulpenfans schon Monate vor der Ernte zu festen Preisen zu veroptionieren. 

...oder zum Zocken...
Diese "Geburtsstunde des Termingeschäfts" lockt zusätzliche Interessenten an. Die Preise für besonders gelungene Züchtungen erklimmen astronomische Höhen: Eine einzige Knolle der Sorte "Semper Augustus" erlöst bei einer Auktion im Jahr 1637 angeblich die Rekordsumme von 10.000 Gulden – bei Umrechnung des damals gezahlten Goldbetrags zu heutigen Kursen entspräche das in etwa 85.000 Euro. Zum Vergleich: Der Jahresverdienst eines holländischen Handwerkers liegt damals bei rund 250 Gulden.

Doch kaum, dass auch einfache Mägde und Stallburschen auf den Geschmack mit Tulpen-Optionsscheinen kommen, kippt die Stimmung. Die Preise fallen ins Bodenlose, und mancher vormals brave Bürger verliert Haus, Hof  – und den Verstand. Soweit die Legende.

Doch die entlarvt Anne Goldgar, Professorin für europäische Geschichte der frühen Neuzeit am King's College in London, nun in Teilen als Mythos. Goldgar hatte sich zeithistorische Dokumente nochmal genau angeschaut und ihre Erkenntnisse bereits in einem 2008 erschienenen Buch veröffentlicht. Wegen des Geredes um den Bitcoin-Boom hat sie die Hauptpunkte ihrer Forschung in einem Artikel nun nochmals zusammengefasst. Quintessenz: "Die Geschichte zur Tulpenmanie ist zweifellos spannend – aber falsch."

...aber nur für die oberen Zehntausend
Denn anders als vielfach behauptet beschränkte sich die spekulative Verrücktheit auf sehr wenige, extrem vermögende Holländer, die finanziell überhaupt in der Lage waren, die Mondpreise für besonders beliebte Tulpenzwiebeln zu bezahlen. Der Großteil der Pflanzen aber blieb vom Hype verschont – und damit erschwinglich. Und auch mit dem überlieferten Rekordpreis von 10.000 Gulden räumt die Historikerin auf: Bestenfalls seien Auktionsergebnisse von 5.000 Gulden erzielt worden.

Dass einfache Bürger in Scharen ihr Hab und Gut aufs Spiel gesetzt hätten, um mit Zwiebeln zu spekulieren, und dass diese Wetten am Ende schief gingen und zahlreiche Familien in die Armut, in den Wahnsinn oder in beides trieben, stimmt Goldgars Auswertung zufolge nicht im Geringsten. "Ich konnte nicht einen einzigen Beleg dafür finden, dass deshalb jemand Selbstmord begangen hätte. Es gab auch keinen auffälligen Anstieg an Firmenpleiten. Die holländische Wirtschaft wurde von der geplatzten Preisblase also so gut wie gar nicht tangiert", schreibt Goldgar.

Eine erste massenhafte Vermögensvernichtung, die auch breite Bevölkerungsschichten in den Ruin stürzen sollte, fand damit erst rund 200 Jahre später statt – mit dem Zusammenbruch des Wiener Gründerfiebers. (ps)