Im Markt überwiegt derzeit die Erwartung, dass die Zinsen allmählich steigen müssen. Da ändert auch der jüngste konjunkturelle Einbruch in Europa wenig. Nicht so die Einschätzung von Thorsten Polleit, Chefvolkswirt von Degussa Goldhandel. Er geht davon aus, dass es keine Abkehr aus der Tiefzinspolitik gibt. "Ob mit oder ohne Fed-Zinsanhebungen: Eine echte Zinswende bleibt aus", so der Ökonom in einem aktuellen Marktkommentar. Und sollte die US-Notenbank ihren Leitzins tatsächlich bereits 2015 erhöhen, dürfte dies angesichts der hohen Verschuldung in einem sehr geringen Ausmaß geschehen. 

Zinsanstieg würde Kreditarchitektur zerstören
Mehr noch: Polleit geht weiterhin von einer steilen US-Zinskurve aus. Soll heißen, dass der Abstand zwischen den langfristigen und kurzfristigen Zinsen groß bleibt. Ist der Abstand gering, spricht man von einer flachen Zinskurve. Eine zu flache Zinskurve dürfte ihm zufolge direkt in die nächste Krise führen. "Schließlich sind die amerikanische und auch die internationale Konjunktur auf der Politik des billigen Geldes aufgebaut. Steigende Zinsen würden die globale Kreditarchitektur zusammenbrechen lassen." 

So war es laut Polleit auch 2000/2001 und 2007 zu beobachten, als die Fed die Zinsen zu schnell angehoben hat. Sollte Polleit mit der Vorhersage einer positiv geneigten, steilen Zinskurve Recht behalten, wären das vermutlich gute Nachrichten für Goldanleger: "Das sollte sich positiv auswirken für den Goldpreis. Für die Goldhaltung spricht derzeit viel, weil die Zinssteigerungen überschätzt und die Kredit- und Inflationsrisiken unterschätzt werden."

Börsen: Keine Crash-Gefahr von der Zinsseite
Für die Aktienmärkte drohe in diesem Fall – zumindest von der Zinsseite her – keine Crash-Gefahr. Denn die Steilheit der US-Zinskurve erwies sich laut Polleit in der jüngeren Vergangenheit als ein Frühindikator für die kommende Entwicklung der Konjunktur und vor allem der Aktienmärkte. Phasen, in denen die Zinskurve negativ geneigt war (in der also die Langfristzinsen unter die Kurzfristzinsen fielen), signalisierten Wendepunkte.

So zeigte sich Anfang 2000 eine negativ Zinskurve, gleiches war ab Mitte 2006 zu beobachten. In beiden Fällen folgte mit einer Zeitverzögerung ein überaus scharfer Rückgang der Aktienkurse (siehe Grafik). "Eine negativ geneigte Zinskurve bringt die Geschäftsbanken in Ertragsprobleme. Sie schränken daraufhin ihre Kreditvergabe ein, und das Konjunkturgebäude sackt in sich zusammen", erklärt Polleit. (dw)

S&P 500 versus US-Zinskurve (linke Skala)
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Die Zinskurve ermittelt die Differenz zwischen den Renditen für zehnjährige und zweijährige US-Staatsanleihen; Quelle: Thomson Financial, Degussa Goldhandel