Die Frage ist nicht mehr, ob sich Robo-Beratung in der Vermögensverwaltung durchsetzen wird, sondern wann. Dieser Überzeugung sind Peter Ginser und Thomas Seibel, Partner des international tätigen Consultingunternehmens Capco. In einem exklusiven Gastbeitrag für FONDS professionell ONLINE erläutern sie, wie etablierte Banken und Finanzdienstleister auf diese Entwicklung reagieren können. (bm)


Es ist keine Überraschung, dass der Sparer aktuell nicht zum Lachen aufgelegt ist. Bedingt durch die andauernde Niedrigzinspolitik verlieren klassische Anlagen wie Tages- und Festgeld zunehmend an Attraktivität. Zwar liebäugeln immer mehr Anleger mit Aktien, Fonds oder ETFs, dennoch bleibt der Anteil realer Nutzer, die eigenverantwortlich direkt in derartige Finanzanlagen investieren, aufgrund der hohen Komplexität und undurchdringbaren Vielfalt der Produkte eher klein. Wer sich letztlich entscheidet, in Anlageprodukte zu investieren, kommt demnach nicht umher, einen Anlageberater zu konsultieren. Die klassischen Finanzberater bekommen jedoch digitale Konkurrenz: Die "Robo Advisors" schicken sich an, den Markt aufzumischen und auch den Bereich der Finanzberatung zu automatisieren.

Die Nutzung von Algorithmen und mathematischen Berechnungsverfahren als Entscheidungshilfe in der Anlageberatung ist keine Neuheit. Durch die Robo-Advisory-Technologie, die ihren Ursprung in den USA hat, erfährt die maschinengestützte Anlageempfehlung derzeit ihre Emanzipation. Der aktuelle Status Quo erfährt eine 180-Grad-Wendung: die bisherige Entscheidungshilfe nimmt den Platz der bis dato ersten Beratungsinstanz, des menschlichen Beraters, ein. Die Fähigkeiten der Robo-Advisory-Technologie sind mittlerweile dermaßen ausgeprägt, dass es nur noch vom Geschäftsmodell der Institutionen abhängig ist, ob ein herkömmlicher Berater in unterstützender Funktion hinzugezogen wird oder die Anlageentscheidung gänzlich ohne menschlichen Einfluss erfolgt.

Doch was hat der digitale Berater, was sein menschliches Pendant nicht besitzt? Die Antwort lautet: Größere Objektivität. Die Technologie handelt autark und unterliegt nicht dem Einfluss von Interessenskonflikten oder Gefühlen. Um eine individuelle Anlagestrategie zu entwickeln, nutzt der Robo Advisor ausschließlich generische, den Kunden kennzeichnende Informationen und setzt diese ins Verhältnis zu den aktuellen Marktdaten. Hauptziel ist dabei immer, die für den Kunden beste Anlageentscheidung zu treffen und dessen Kapital gemäß seiner Ziele zu vermehren.

Ein Roboter schläft nicht
Die digitale Beraterwelt öffnet insbesondere für junge Kunden das Tor zur Anlagewelt: kleine Anlagevolumen, keine Mindesteinlagen, geringe Transaktionsgebühren, günstige  Managementgebühren– der Markt zeigt sich in ganz neuem Gewand und erschließt damit eine neue Kundengruppe in der Breite.

Letztlich ist es jedoch die technische Affinität der jungen Generation, die dazu führt, dass das Konzept Robo Advisory künftig große Beliebtheit erfahren wird. Die "Digital Natives" wissen die Vorteile der neuen Angebote im Detail zu schätzen: Der digitale Berater kennt keine Öffnungszeiten und ist von überall aus zu erreichen. Zudem steht die komplette Vermögensübersicht der Anleger jederzeit auf dem Smartphone abrufbereit, und auch der gesamte Auswahl- und Abschlussprozess ist mobil schnell und einfach möglich. Die neue Generation von Anlegern wird Robo-Beratung eines Tages so selbstverständlich nutzen wie die heutige den Geldautomaten. Die Frage ist somit nicht mehr, ob sich diese Technologie in der Vermögensverwaltung durchsetzen wird, sondern wann.

Fintechs ebneten den Weg
Forciert wurde das Thema Robo Advisory insbesondere durch Start-ups aus dem Fintech-Bereich. Reges Interesse an der ausgebauten Technologie zeigen naturgemäß auch Direktbanken. Mit Hinblick auf die verhärteten Kostenstrukturen der Banken bietet der Einsatz von Robo-Advisory-Technologie erhebliche Einsparungspotenziale. Experten gehen davon aus, dass der Einsatz von Algorithmen gegenüber menschlichen Beratern abhängig von der Skalierung zu Einsparungen von 50 bis 70 Prozent führen kann. Der reale wirtschaftliche Skaleneffekt wird sich natürlich erst über einen hohen Nutzeranteil einstellen.

Entgegen des Augenscheins entwickeln die Fintechs ihre Lösungen nicht zwangsläufig, um den etablierten Institutionen Marktanteile streitig zu machen. Im Gegenteil: Durch den entscheidenden Vorteil der etablierten Banken, sowohl eine starke Marke als auch einen ausgeprägten Kundenstamm zu besitzen, kann es für die Fintechs durchaus interessant sein, Kooperationen anzustreben.

Am Ende des Tages
Wie viele technologische Erneuerungen dieses Jahrtausends schickt sich auch das Thema Robo Advisory an, unsere Finanzwelt zu verändern. Die Automatisierung über den Computer bietet nicht nur eine zeitgemäße Beratung für die Generation Facebook. Vielmehr werden Anlageinformationen und -dienstleistungen, die bisher nur einem sehr privilegierten vermögenden Kundenkreis zugänglich sind, schon mittelfristig kostengünstig einer breiteren Kundengruppe verfügbar gemacht.

Unbestritten scheint, dass die Robo Advisors heute noch keine akute Bedrohung für die etablierten Branchenteilnehmer darstellt. Dennoch ist klar, dass sich der Roboter langfristig zur Konkurrenz etablieren wird. Letztlich liegt der Ball bei den Banken zu entscheiden, welche Strategie sie verfolgen werden. Die Chancen stehen sowohl für Kooperation, Übernahme(n) und Selbstentwicklung gut – ein Trend ist hierbei noch nicht absehbar. Ziemlich sicher ist zum heutigen Zeitpunkt nur, dass sich Verluste ankündigen, sollten die etablierten Spieler ihre Augen vor der Realität verschließen. Dann wären es die betroffenen Banken, deren Lachen schwindet.


Peter Ginser und Thomas Seibel sind Partner der auf die Finanzbranche spezialisierten Unternehmensberatung Capco am Standort Frankfurt am Main. Ginser arbeitet im Geschäftsbereich Complex Technology Transformation, Seibel im Geschäftsbereich Wealth and Investment Management.