Schwankungen an den Aktienmärkten, nachgebende Rohstoffpreise und weiter tiefe Zinsen haben zuletzt die Befürchtungen verstärkt, die Weltkonjunktur könnte wieder ins Lahmen kommen. Im Euroraum müsse die Aussicht auf eine Konjunkturverlangsamung die Sorge vor einer neuen Eurokrise wecken, stellt Thorsten Polleit fest, Chefvolkswirt von Degussa Goldhandel. Denn die Euro-Volkswirtschaften stünden weiter auf wackligem Fundament.

In vielen Ländern der Eurozone herrsche weiterhin Massenarbeitslosigkeit, so Polleit. Ein Rückgang der Produktion dürfte das Problem weiter verschärfen. Die grundlegenden Probleme vieler Staaten im Währungsraum seien zudem weiter ungelöst, die Staatsverschuldung steige weiter an. Darüber hinaus verlaufe die Entwicklung der Unternehmensinvestitionen im Euroraum aus strukturellen Gründen enttäuschend. Und schließlich werde der Euroraum durch eine Umverteilungspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) zusammengehalten, die Sparer zugunsten hochverschuldeter Länder enteigne und parlamentarisch nicht legitimiert sei.

Euro hängt an der Leidensbereitschaft der Zahler
Das Euro-Projekt hänge nicht von seiner wirtschaftlichen Tragfähigkeit ab, sondern es stehe und falle mit der Leidensbereitschaft jener, die bei einer großangelegten Umverteilung zur Ader gelassen werden, urteilt Polleit. Ein erneutes Nachlassen des Wirtschaftswachstums, verbunden mit steigender Arbeitslosigkeit und den damit einhergehenden sozialpolitischen Folgen, könnte deshalb zu einer neuen Euro-Krise führen. Das wäre etwa der Fall, wenn die Bereitschaft der Netto-Zahler ende, der bisherigen Umverteilungspraxis tatenlos zuzusehen – und der EZB daraufhin verboten werde, immer mehr Wertpapiere zu kaufen. (cf)