Der chinesische Aktienmarkt hat durchaus noch Potenzial, es gibt aber auch noch einige Herausforderungen zu meistern. Dieser Ansicht ist Christophe Bernard, Chefstratege der Schweizer Privatbank Vontobel. Chinas Aufstieg zu einem globalen Schwergewicht stelle eine der prägenden Entwicklungen der Weltwirtschaft dar, sagt Bernard. Bis vor kurzem habe die Volksrepublik noch kontinuierlich atemberaubende Wachstumsraten beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) gezeigt. Nun schwäche sich das chinesische Wirtschaftswachstum zum ersten Mal seit Einführung marktwirtschaftlicher Reformen Ende der 1970er Jahre ab. "Diese wirtschaftlichen Ungleichgewichte gehen auf die massive kreditgestützte Expansion zurück, die von 2009 bis 2011 als Antwort auf die große Finanzkrise stattfand und eine ausgeprägte Immobilienblase sowie Überkapazitäten in zahlreichen Branchen zur Folge hatte", sagt Bernard.

Führende Mitglieder der Kommunistischen Partei in China bekräftigen weiter ihre Absicht, die Wirtschaft reformieren zu wollen. Dabei hätten sie jedoch eingeräumt, dass es eine Herausforderung sein werde, den Sollwert von sieben Prozent beim BIP-Wachstum im Jahr 2015 zu erreichen. "Dieses Ziel ist in der Tat hoch gesteckt", kommentiert Bernard. Ein Abbau wirtschaftlicher Ungleichgewichte führe in der Regel zum Platzen von Immobilienblasen, zu Rezession, einem massiven Anstieg der Kreditrisiken bei den Banken sowie einem drastischen Gewinnrückgang im Industriesektor. "In einer offenen Volkswirtschaft – die China nicht ist – wäre dies üblicherweise mit einer erheblichen Währungsabwertung verbunden", stellt der Chefstratege fest. 

Lokale Aktien profitieren von Liquiditätszuflüssen
All diese Entwicklungen seien für die politische Elite Chinas inakzeptabel, da sie einen Bruch mit dem Sozialpakt bedeuten und die Herrschaft der Partei untergraben könnten, sagt Bernard. Dank der riesigen Währungsreserven Chinas und einer relativ schuldenfreien Zentralregierung könne die chinesische Führung Infrastrukturinvestitionen nach ihrem Gutdünken beeinflussen, ohne den Staatshaushalt zu gefährden. Von wesentlicher Bedeutung sei dabei, dass die Stärke des chinesischen Yuan oder Renminbi und der Verfall der Rohstoffpreise derzeit die Inflation dämpften. "Dies kann die Tür zu einer weiteren Lockerung der ohnehin schon expansiven Geldpolitik öffnen", sagt Bernard. In Zeiten, in denen die Privathaushalte von Bar- und Immobilienanlagen in Aktien umschichteten, helfe dies dem Aktienmarkt. Entsprechend hätten lokale Aktien, die sogenannten A-Aktien, die in Schanghai notiert sind, seit vergangenem Sommer enorme Kursgewinne verzeichnet. Demgegenüber würden H-Aktien (in Hongkong notierte chinesische Aktien, die im MSCI China abgebildet werden) mittlerweile mit einem erheblichen Abschlag gehandelt. Angesichts der attraktiven Bewertungen und der anhaltenden Unterstützung durch die hohe Liquidität halte Vontobel an der Übergewichtung chinesischer Aktien fest. (fp)