Die US-Investmentgesellschaft Fidelity zählt seit jeher zu den Opportunisten unter den Fondsanbietern. Schon immer bemühten sich die Amerikaner darum, alle möglichen Vertriebskanäle für ihre Produkte gleichzeitig zu bedienen – von eigenen Verkaufslokalen (nur in den USA) und Online-Portalen über unabhängige Berater bis zu Banken und Versicherern werden alle Schienen bedient. Das ist kaufmännisch vernünftig, weil es vertriebsseitig für eine Diversifikation sorgt. Und diese ist kein Luxus. Wie die letzten Jahre gezeigt haben, entwickeln sich keineswegs alle Absatzschienen durchgehend mit dem selben Tempo. Aus dem selben Grund bemühen sich viele Vermögensverwalter institutionelle und private Kunden gleichzeitig zu beliefern und mit entsprechend spezialsierten Teams zu betreuen.

Und Fidelity macht nun auch vor, wohin der nächste Schritt geht: Die hauseigene Fondsplattform FFB arbeitet eng mit den FinTech-Neuling Vaamo zusammen. Und zwar so eng, dass die beiden Unternehmen gemeinsam eine Auszeichung für die beste "Corporate Startup Partnerschaft" erhielten. 

Damit ist das Thema "Robo-advice" auch in Deutschland endgültig angekommen. Vaamo ist seit Juni 2014 aktiv und versteht sich ausdrücklich als Substitut der professionellen Finanzberatung. Die Leistung wird in Abhängigkeit zur veranlagten Summe mit einem monatlichen Fixpreis verrechnet und ist dabei – gemessen daran, dass hier nur via Software beraten wird – nicht einmal billig. Wer weniger als 25.000 Euro investiert, bezahlt rund ein Prozent pro Jahr, und ab 50.000 Euro sinken diese Kosten auf 0,49 Prozent jährlich. Als Gegenleistung dafür erhält der Anleger Fonds bzw. kostenoptimierte Portfolios, die auf Grundlage neuester finanzwissenschaftlicher Erkenntnisse verwaltet werden. 

Hat ein solches Angebot Chancen? Garantiert, vor allem in der "Zielgruppe Google", die heute auch vor dem Kauf einer neuen Smartphone-Hülle ausführlich im Internet recherchiert. Das Versprechen, mit nur drei Klicks das individuell definierte Sparziel anvisieren zu können und dabei nach neuesten Erkenntnissen der Finanzmarktforschung veranlagt zu werden, klingt verlockend. Hier erwächst der unabhängigen Beratung also ohne Zweifel Konkurrenz, wie bedrohlich ist sie aber wirklich? Man darf hoffen, dass das Problem kleiner ist als es erscheint, denn die beschriebene Zielgruppe hatte schon bisher die Möglichkeit über Diskontbroker "im Alleingang" zu investieren. Jene, die das wirklich wollen, machen es längst, und jene, die davor zurückschrecken, werden voraussichtlich auch in Zukunft zögern.

Kapitalanlage ist als Thema für Menschen, die sich nicht der Sache wegen dafür interessieren, ähnlich sexy wie das Ausfüllen der Steuererklärung. Schon das Definieren der eigenen Anlageziele ist in Wahrheit keine leichte Aufgabe, wenn man die Stufe "Möglichst-hohe-Erträge-ohne-jedes Risiko" hinter sich gelassen hat. 

Hinzu kommt, dass Geldanlage ausnahmslos nur ein Baustein in eine komplexe Lebenssituation ist. Kaum jemand geht wirklich mit der Haltung: "Ich will und werde 20 Jahre lang monatlich 300 Euro sparen" an die Sache heran. Wer dies doch tut, wird seine Pläne durchkreuzt sehen – durch Kinder, Scheidung, Krankheit, Jobverlust oder sonstige zum Zeitpunkt der Sparentscheidung nicht absehbare Einflüsse. 

Was das Thema "Robo-Advice" betrifft, kommt noch ein weitere Komponente hinzu: Hier wird mit Algorithmen gearbeitet, die auf historischen Daten basieren. Alle Anbieter arbeiten mit den selben Daten und kommen – mehr oder weniger – zu den selben Lösungen. Es ist heute nicht absehbar, wie sich dies mittelfristig auswirkt. Ein Beispiel: Langzeituntersuchungen zeigen, dass Small-Caps bessere Ergebnisse bringen als Large Caps. Wenn nun alle oder sehr viele Robo-Advisors Nebenwerte höher gewichten, werden diese Aktien dadurch im mehrjährigen Durchschnitt teurer. Die Outperformance, die historisch nur entstehen konnte, weil die Masse der Anleger diese Assetklasse – aus welchen Gründen auch immer – geringer gewichtete, geht verloren. Solche Ineffizienzen in den Mäkten sind keineswegs selten, mit der zunehmenden Zahl an automatisierten Ansätzen, die gezielt darauf setzen, müssten es aber weniger werden. 

Unabhängige Berater, die heute ja vielfach auf vermögensverwaltende Ansätze von Fondsanbietern setzen, sollten ertragsseitig auf lange Sicht nicht schlechter dastehen – auch bei Flossbach von Stroch weiß man, wie Faktor-Investments funktionieren. Und die mit der individuellen Betreuung leider verbundenen höheren Kosten sind spätestens dann gerechtfertigt, wenn der Kunde im Crash seinen Berater anruft und dieser ihn davon abhalten kann, in Panik zu verkaufen.