Die Allianz Deutschland muss sich derzeit mit einer einigermaßen delikaten Klage befassen, die eine ihrer Ausschließlichkeitsvertreterinnen eingereicht hat. Und da es um die Berechnung von Rentenansprüchen der Vermittlerin geht, betrifft der Vorgang grundsätzlich alle Vertreter des Konzerns. Der Vorwurf im Kern: Der Vorsorge-Riese soll zahlreiche seiner mehr als 8.000 Vertreter wegen fehlerhafte Berechnungen seit Jahren um Teile ihrer Altersansprüche bringen, wie die Süddeutsche Zeitung (SZ) unter Berufung auf interne Dokumente berichtet. Der Gesellschaft drohten dadurch unter Umständen Nachforderungen in Millionenhöhe.

Der Versicherer gewährt seinen offiziell freischaffenden Versicherungsvertretern eine Alters-, bei Bedarf auch eine Berufsunfähigkeits- oder Hinterbliebenenrente, die über ein konzerneigenes Versorgungswerk organisiert wird. Als Grundlage für die Berechnung der Rentenhöhe dienen die Bestände, die ein Vertreter während seines Erwerbslebens aufbaut. Für jeden selbstvermittelten oder von einem anderen Agenten übernommenen und veränderten Vertrag fließt nicht nur eine Provision der Allianz, ein Teil wird auch für die Altersvorsorge des Vertreters angerechnet. Die aufwendige Berechnung der Ansprüche ist dabei nicht Sache der Vertreter, sondern der Allianz, wie die SZ ausführt.

Erster Verdacht 2008
Mit der korrekten Kalkulation hakt es aber offensichtlich. Die anonyme Vermittlerin, die eine Allianz-Generalvertretung in einer süddeutschen Großstadt betreibt, stellte 2008 zum ersten Mal Unregelmäßigkeiten bei der Berechnung ihrer Rentenansprüche fest. Ihre Nachforschungen ergaben, dass von ihr vermittelte Verträge nicht erfasst worden oder irgendwann einfach aus der Versorgungsberechnung gefallen seien – etwa, wenn der Kunde den Agenten wechselte. Insgesamt sollen mehr als 1.000 Abschlüsse, hauptsächlich Lebens- und Sachversicherungen, bei der Ermittlung ihrer Altersvorsorge-Ansprüche nicht korrekt verbucht worden sein.

Die festgestellten Fehler meldete die Vermittlerin laut SZ ab 2012 der zuständigen Allianz Beratungs- und Vertriebs-AG (ABV), die zur Allianz Deutschland gehört. Die Fehler wurden zwar wohl korrigiert, dennoch fand die Vertreterin immer wieder neue Unregelmäßigkeiten, obwohl selbst ranghohe Allianz-Manager Besserung versprochen hatten. Die Vermittlerin hatte sogar Konzernchef Oliver Bäte persönlich angeschrieben, nachdem die Fehler "jahrelang ignoriert, verleugnet und vertuscht" wurden, wie sie laut Zeitung wütend an den Konzern meldete.

Feststellungsklage zur lückenlosen Überprüfung
Die nun beim Landgericht München I eingereichte Feststellungsklage solle unter anderem helfen, korrekte Auskünfte über ihr zustehende Versorgungsleistungen und einhergehend damit eine lückenlose Überprüfung ihres kompletten Bestandes durchzusetzen. Dies habe der Konzern wohl noch im Januar mit der Begründung mangelnder Mitarbeiterkapazitäten abgelehnt.

Sollten andere Vertreter auf die Idee kommen, den gleichen Weg zu wählen, dann kann es für die Allianz ungemütlich werden: Zum einen wird sie viel Arbeit bekommen, zum anderen könnte es teuer werden. Die bisherigen Korrekturen haben der Vermittlerin laut SZ bereits eine Anhebung ihrer monatlichen Rentenansprüche um einige Hunderte Euro gebracht. (jb)