Die Bitcoin-Branche hat in ihrer recht kurzen Geschichte bereits für eine Reihe an Skandalen und unglaublichen Meldungen gesorgt. Erinnert sei nur an die isländischen Bitcoin-Räuber, die betrügerische Krypto-Anlageplattform Optioment oder den Aufreger um den missglückten Werbegag des Krypto-Start-ups SavedroidAufsichtsbehörden mahnen zudem, bei Kapitalerhöhungen auf Basis von Krypto-Währungen – sogenannten Initial Coin Offerings (ICOs) – sehr genau hinzuschauen, da sie hochriskant sind und oft auch in betrügerischer Absicht gemacht werden.

Die Envion AG hat nun ein weiteres nicht ruhmvolles Kapitel in den Annalen der Kryptowährungen geschrieben, wie das "Handelsblatt" berichtet. Demnach trat die Schweizer Firma im Spätsommer 2017 mit einer guten Idee an: Sie wollte Bitcoins und andere Kryptowährungen mithilfe sauberer, günstiger Energie in mobilen Schiffscontainern produzieren, die bei Solarparks, Wasserkraftwerken und anderen Energiequellen stationiert werden, um dort überschüssigen Strom zu nutzen. Bekanntlich ist der Stromverbrauch bei der Erzeugung der digitalen Währungen exorbitant hoch.

Die Geschäftsidee kam zunächst wohl gut an, umgerechnet investierten Anleger knapp 100 Millionen Dollar in die von Envion ausgegeben digitalen Beteiligungen – sogenannte Token –, die damals je einen Dollar kosteten.

Krux: Zu viel produzierte Token
Aber schon bald häuften sich die Ungereimtheiten: Der Envion-Vorstandsvorsitzende Matthias Woestmann entdeckte, dass die Firma 127 Millionen statt wie geplant 103 Millionen Token produziert hatte. Wer die überzähligen Bezugsrechte bekam, ließ sich nicht mehr feststellen. Klar ist dem Handelsblatt zufolge aber: Es handele sich um Betrug, wenn die rechtmäßigen Investoren nicht auch sämtliche Token erhalten. 

Woestmann beschuldigt jetzt seinen Geschäftspartner Michael Luckow und dessen Firma Trado, die sämtliche operativen Aufgaben für Envion durchführt, die überschüssigen Token absichtlich und in betrügerischer Absicht produziert zu haben. Luckow wiederum behauptet, dass Woestmann selbst die zusätzlichen Token für einen später abgesprungenen Investor habe produzieren lassen. Damit nicht genug: Woestmann wirft Luckow zudem vor, dem Unternehmen umgerechnet mehr als 13 Millionen Dollar in virtuellen Währungen wie Bitcoin und Etherum vorzuenthalten. Luckow widerspricht auch hier.

Projekt liegt auf Eis
Der Streit zwischen beiden ist in der Zwischenzeit zudem immer komplizierter geworden, wie die Zeitung schreibt. Woestmann habe versucht, mit einer Kapitalerhöhung bei Envion unter Ausschluss von Luckow dessen Einfluss bei der Aktiengesellschaft einzuschränken. Umgekehrt habe man ihm offenbar den Zugriff auf die Website und auf die Facebook-Seite seiner Firma gesperrt. Rein geschäftlich geht derzeit nichts mehr, das Projekt umweltfreundlich produzierter Bitcoins liegt auf Eis.(jb)