Die Finanzbranche stellt dem Standort Deutschland ein überwiegend gutes Zeugnis aus. Eine Ausnahme sind Mitarbeiter von Fintechs: Diese haben auf viele Dinge oftmals eine kritischere Sicht als der Rest der Branche. Dies geht aus einer aktuellen Studie der CFA Society Germany hervor, für die mehr als 800 Finanz- und Investmentexperten aus dem Asset Management, von Fintechs, aus Finanzaufsicht, Regulierung und dem Finanzdienstleistungssektor befragt wurden. Auch institutionelle Investoren und Hochschulvertreter bezog die Studie ein.

Der Analyse zufolge punktet Deutschland bei den meisten Branchenteilnehmern vor allem mit seiner politischen und rechtlichen Stabilität mit einem durchschnittlichen Wert von 2,29 (auf einer Skala von -3 bis +3). Auch die Kompetenz der Finanzregulatoren und Aufsichtsbehörden wird mit 0,8 Punkten positiv bewertet. Fintechs bewerten dagegen die politischen Verhältnisse nur mit 1,63. Eine Erklärung für die häufig andere Einschätzung der Fintechs konnte Harald Edele, Direktor Kapitalmarkt & Regulierung bei der CFA Society Germany bei der Vorstellung der Studie in Frankfurt nicht geben. Offenbar "tickt" die Fintech-Gemeinde in vielerlei Hinsicht einfach anders als der Rest der Finanzbranche.

Finanzen sind nicht nur in Frankfurt zu Hause
In der Summe schätzen die Experten die Vielfalt des deutschen Finanzstandorts. Anders als in anderen europäischen Ländern konzentriert sich die Finanzindustrie nicht nur auf ein Zentrum. Sämtliche deutsche Metropolregionen – von Berlin bis Stuttgart – finden mit ihren spezifischen Standortprofilen Anerkennung, wobei sich Frankfurt bei den Branchenexperten als bester Kompromiss herausstellt.

Als Standortvorteil für Deutschland bewerten die Marktteilnehmer darüber hinaus die hohe Qualität der universitären und betrieblichen Aus- und Weiterbildung mit Finanzschwerpunkt. Diese rangiert im Durchschnitt mit 1,41 und 1,34 Punkten im deutlich positiven Bereich. "Der Finanzstandort Deutschland ist in einer ausgesprochen guten Verfassung", erklärt Edele. "Allerdings gelingt es bislang nur in Teilen, die vielfältigen Stärken in Vorteile im internationalen Wettbewerb zu verwandeln."

Skepsis bei Regulierungsqualität und Fintech-Entwicklung
So formuliert die Branche im Wettbewerb mit den globalen Finanzzentren auch etliche Forderungen gegenüber dem deutschen Gesetzgeber und den hiesigen Marktteilnehmern. Demnach schneidet der Standort Deutschland bei der Berücksichtigung der Interessen der Finanzbranche und der Zweckmäßigkeit von Regulierungsmaßnahmen nur durchschnittlich ab (-0,04 und 0,08 Punkte). Gleiches gilt für die aufsichtliche Berücksichtigung innovativer Entwicklungen und die Regulierung von Fintechs (-0,2 und -0,31 Punkte).

Letzteres spiegelt auch den Gesamtblick des Marktes auf die deutsche Fintech-Szene wider. So werden die vorhandenen Produkte und Dienstleistungen der Start-ups mit 0,15 Punkten nur leicht positiv bewertet. Lediglich bei Zahlungsverkehrslösungen und Informationsplattformen fallen die Bewertungen stärker aus (0,94 und 0,64 Punkte). Am anderen Ende der Skala rangieren Social Investing, automatisierte Investmentlösungen/Robo-Advice und Kryptowährungen mit Werten zwischen -0,17 und -0,29 Punkten. (jb)