Der Zusammenschluss der Deutschen Börse in Frankfurt und der London Stock Exchange (LSE) wird aller Voraussicht nach auch im fünften Anlauf scheitern. Dies meldet die Nachrichtenagentur Reuters. Die LSE habe am Sonntagabend überraschend mitgeteilt, sie sei nicht bereit, eine Forderung der EU-Kommission zur Freigabe der Fusion zu erfüllen. Damit sei ziemlich sicher davon auszugehen, dass die europäischen Wettbewerbshüter den gut 25 Milliarden Euro schweren Schulterschluss untersagen werden, hieß es aus London.

Die Deutsche Börse wurde von der LSE-Entscheidung Insidern zufolge überrascht. "Damit ist das Ding wahrscheinlich gegessen", zitiert Reuters eine mit der Fusion vertraute Person. Die Londoner hatten zuvor mitgeteilt, Brüssel habe sie aufgefordert, ihre Mehrheitsbeteiligung an der italienischen Handelsplattform MTS aufzugeben. Dies sei aber "unverhältnismäßig".

Keine weiteren Zugeständnisse
MTS ist im Geschäft mit europäischen Staatsanleihen und anderen Bonds aktiv. Die Sparte selbst sei zwar kein wesentlicher Ertragsbringer für die Londoner Börse, erklärte die LSE. Das gesamte Italien-Geschäft sei für den Konzern aber sehr wichtig. Zudem habe man Zweifel daran, dass die Behörden in Italien einen MTS-Verkauf genehmigen würden. Daher werde die Londoner Börse die von der EU gesetzte Frist zur Einreichung weiterer Zugeständnisse am Montag verstreichen lassen.

Die LSE hatte bereits vor einiger Zeit angeboten, ihr Abwicklungshaus Clearnet im Falle einer Fusion für 510 Millionen Euro an die in Paris beheimatete Mehrländerbörse Euronext zu verkaufen. Die EU hatte der LSE kürzlich zwar mitgeteilt, dass dies nicht ausreiche und weitere Zugeständnisse gefordert. In Frankfurt und Brüssel waren viele mit der Fusion vertraute Personen jedoch davon ausgegangen, dass die LSE bereit sein würde, auf zusätzliche Forderungen auch einzugehen. Doch am Wochenende entschied sich die LSE-Spitze nun anders.

Politischer Druck könnte eine Rolle gespielt haben
Mehrere Insider bezweifeln Reuters zufolge, dass ein möglicher Widerstand aus Italien der einzige Grund ist, warum die LSE die Fusion jetzt zum Scheitern bringt. "Es ist schwer zu sagen, ob das nur ein Vorwand war und ob es auch politischen Druck gab", sagte eine mit dem geplanten Zusammenschluss vertraute Person der Nachrichtenagentur. Vergangene Woche hatten bei einer Parlamentsdebatte in London mehrere Abgeordnete Stimmung gegen die Fusion gemacht.

Die Deutsche Börse und die LSE hatten vor einem Jahr bestätigt, dass sie erneut über eine deutsch-britische Börsenhochzeit verhandeln. Damit wollten sie einen europäischen Champion schaffen, der den großen US-Rivalen CME und ICE das Wasser reichen kann. Maßgeblich vorangetrieben wurde das Projekt von Deutsche-Börse-Chef Carsten Kengeter, gegen den allerdings seit Kurzem staatsanwaltschaftlich wegen des begründeten Verdachts auf Insiderhandel ermittelt.

Entscheidung der Kommission für Ende März erwartet
In Deutschland, vor allem in Frankfurt, gab es von Anfang an Kritik an dem Deal, weil die Holdinggesellschaft der Mega-Börse in London angesiedelt werden sollte. Zuvor hatten die beiden Konzerne bereits vier Fusionsversuche gestartet. Zweimal waren Sondierungsgespräche allerdings bereits beendet worden, bevor die Öffentlichkeit davon Kenntnis erhielt.

ie Deutsche Börse bestätigte in einer Mitteilung den Entschluss der LSE, MTS nicht zu verkaufen. Die Fusionspartner würden nun abwarten, wie die EU-Kommission die Situation bewerte. Mit einer Entscheidung sei bis Ende März zu rechnen. Die EU-Kommission äußerte sich zunächst nicht. (am)