Die Umsetzung der Finanzmarktrichtlinie Mifid II beschert der kompletten Finanzbranche, vom  Vertrieb über die Anbieter bis hin zu Abwicklern und Dienstleistern, erhebliche Mehrarbeit. Bei der Beurteilung des Nutzens des neuen Großregelwerks gehen die Meinungen auseinander. "Der Berater wird entmündigt", sagte Christian Hammer, Geschäftsführer von NFS Netfonds Financial Service, auf der Sommerkonferenz des Asset Managers M&G in Frankfurt.

Erläuterungen über mögliche Risiken, die Geeignetheit und die Funktionsweise eines Produkts überlagern die eigentliche Beratung. Geschäfte auf der Vertrauensbasis zwischen Berater und Kunde seien praktisch nicht mehr möglich, argumentiert Hammer. "Das ist, wie wenn sie als Kunde wissen müssten, wie der Vergaser eines Autos funktioniert, bevor sie ihn in der Werkstatt auswechseln lassen dürfen", sagte Hammer. "Angesichts des Aufwands möchte ich ein Fragezeichen hinter den Ertrag setzen", meinte auch Julia Backmann, Rechtsexpertin des Branchenverbands BVI.

"Krasse Auswüchse"
Georg Kornmayer, Geschäftsführer von Fondsnet, gewinnt den neuen Regeln hingegen durchaus positive Seiten ab. "Wenn große Produkte die Performance-Gebühren streichen, dann darf man das durchaus als Erfolg bezeichnen", argumentierte der Chef das Maklerpools. So habe er in seiner Praxis "krasse Auswüchse" erlebt, etwa dass Marktteilnehmer Anteilsklassen für den italienischen oder spanischen Markt in Deutschland verkauft hätten, um höhere Provisionen einzustreichen. "Im Gegenzug gab es aber auch Berater, die aus eigenem Geld Fehler beglichen, die ihnen unterlaufen waren", berichtete Kornmayer.

Der Manager bezeichnete es zudem als "Problem", dass ein erheblicher Teil der Posten, die ein Fonds als Kosten abrechnen darf, nicht in der Total Expense Ratio (TER) auftauchen. BVI-Expertin Backmann hingegen meinte, dass über die Höhe der Kosten der Markt und nicht die Regulierung entscheiden sollte. "Die Kosten stehen in der Diskussion zu sehr im Fokus, auf die Performance kommt es am Ende an", argumentierte wiederum Netfonds-Mann Hammer.

Zwei Wege zum Ziel
Die BVI-Expertin verwies auf Unklarheiten in der Regulierung, und zwar besonders auf die Transaktionskosten. Diese können nach der neuen Berechnungsmethode negativ ausfallen, was eigentlich unmöglich ist, da Kauf und Verkauf von Wertpapieren immer mit Kosten verbunden sind. "Jüngst wies die Finanzaufsicht Bafin in einer Marktuntersuchung erstaunt darauf hin, dass die vorab ausgewiesenen Kosten teilweise unter der angegebenen Gesamtkostenquote liegen", sagte Backmann. "Dabei ist dies in der Regulierung begründet."

Bei der Umsetzung von Mifid II schlagen die Diskussionspartner Kornmeyer und Hammer unterschiedliche Richtungen ein. "Wir haben die Zielmarktdefinition nach Mifid II auch für Berater nach 34f vorgeschaltet", berichtete der Fondsnet-Leiter. Es sei schwierig zu argumentieren, dass ein über den Mifid-II-Weg nicht für Privatanleger geeignetes Produkt unter dem Pfad nach Paragraph 34f der Gewerbeordnung dann doch zugänglich sein solle. Netfonds-Mann Hammer hingegen argumentierte, dass sowohl die Beratung über Mifid II als auch nach 34f hierzulande gesetzlich geregelt und somit zulässig sei. Sein Pool habe daher beide Wege freigeschaltet.

Regeln eröffnen auch Chancen
BVI-Juristin Backmann hielt fest, dass ein 34f-Berater so weitermachen könne wie bisher. Für diesen Kanal seien Provisionen nicht an eine Steigerung der Qualität gebunden, betonte die Expertin einmal mehr. Aber es laufe darauf hinaus, dass auch hier das Beratungsprotokoll durch die Geeignetheitserklärung ersetzt werde. Unklar sei, wie eine Telefonaufzeichnung von Beratungsgesprächen umgesetzt werde. Die Verordnung über Finanzanlagenvermittlung (FinVermV), die Mifid II auch für den Bereich der 34f-Beratung umsetzt, soll noch vor der parlamentarischen Sommerpause vorgelegt werden. Signale für Erleichterungen nach den massiven Neuregulierungen in den vergangenen Jahren seien wiederum nicht in Sicht – weder aus Brüssel noch aus Berlin.

Einig waren sich die Gesprächspartner auf der M&G-Konferenz in einem Punkt: Die Regulierung kann auch Chancen eröffnen. Hammer: "Bei Banken läuft es auf eine Standardisierung der Beratung mit drei oder vier Produkte hinaus." Zahlreiche Kunden hätten aber Interesse an einer größeren Vielfalt. Freie Berater, die hier breiter aufgestellt seien, dürften Kunden "die Tür einrennen", setzte Hammer nach. Auch Kornmayer sieht Chancen für freie Berater – bei den Kosten. "Sie müssen nur die Kunden bitten, den Kostenausweis einer Bank neben ihren eigenen zu legen", sagte der Geschäftsführer. "Natürlich ist Mifid II anstrengend und nervend, aber wir werden es überleben", resümierte Kornmayer. (ert)