Fintechs finden in kleinen, technologieaffinen Ländern wie Estland ideale Bedingungen vor, meint Bondora-CFO Rein Ojavere. In einem großen Land sei es schwerer, ein neues Angebot zu etablieren, schreibt er im folgenden Gastbeitrag für FONDS professionell ONLINE. (bm)


Ein Unternehmen aus Estland hat es schon einmal auf die große Bühne geschafft und die gesamte Welt der Kommunikation verändert. Die Rede ist von Skype, das die Video-Telefonie massentauglich und "skypen" zu einem eigenen Begriff gemacht hat.

An diesen Erfolg will eine ganze Generation von Start-ups aus den baltischen Ländern anknüpfen. Sie hat sich vor allem einem Gebiet verschrieben: Fintech. Zahlreiche Technologieunternehmen aus Estland, Lettland und Litauen wollen die Finanzwelt mit neuen Lösungen vereinfachen, verbessern und verschnellern.

Doch warum ist Fintech in baltischen Ländern so beliebt? Wieso schafft es solch ein kleines Land wie Estland, mehrere international erfolgreiche Fintechs ins Leben zu rufen, darunter Transferwise, das mittlerweile mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet wird?

Besser klein und kompakt als weit und unterentwickelt
Einer der wichtigsten Gründe ist, dass ein kleines Land für ein Fintech, vor allem am Anfang, besser ist als ein großes. Damit ein Fintech funktioniert, braucht es eine gewisse Marktdurchdringung. Estland hat "nur" 1,3 Millionen Einwohner – etwas mehr als Köln mit 1,06 Millionen. Einen Markt von solcher Größe kann man als Fintech leichter flächendeckend erobern. Erreicht man jedoch keine kritische Masse, entsteht ein Flickenteppich an Technologien, an dem der Nutzer kein Interesse hat. Dieses Problem sehen wir in Deutschland, wo sich Mobile Payment nicht durchsetzen kann, weil es zu viele Player gibt, die alle ihr eigenes Süppchen kochen.

Und ein netter Nebeneffekt für Start-ups: Wenn ein Fintech scheitert, dann immerhin nicht auf großer Bühne – die Kosten für Fehler sind damit deutlich geringer.

Liebe zu Technologie macht bei Finanzen nicht halt
Der nächste Grund ist die Technikaffinität der Balten. In einigen Grundschulen in Estland steht Programmieren bereits auf dem Stundenplan und das Land lockt IT-Spezialisten mit seiner fortschrittlichen digitalen Infrastruktur. Die Regierung geht mit gutem Beispiel voran und gilt als eine der am meisten digitalisierten Bürokratien der Welt.

Weiterhin hat Estland weltweit die höchste "Start-ups pro Einwohner"-Quote und hält mit 18 Minuten Aufwand den inoffiziellen Weltrekord für die schnellste Unternehmensgründung. Diese Liebe zu Technologie macht bei Finanzen nicht halt. So werden immer neue Alternativen zu den klassischen Bankdienstleistungen gesucht – Peer-to-Peer-Lending (P2P) und Crowd-Finanzierungen sind beispielsweise sehr beliebt. Das P2P-Segment wächst in Estland schneller als in Deutschland, was wir auch an den Wachstumszahlen bei Bondora bemerken. Unsere P2P-Plattform ist im vergangen Jahr um 20 Prozent gewachsen. Interessant ist daran, dass ein Großteil unserer Investoren aus Deutschland kommt – ganz so abgeneigt sind die Deutschen neuen Technologien gegenüber dann doch nicht.

Mobile Payment ist ebenfalls erfolgreicher als in Deutschland. Schätzungen zufolge wird in Estland 30 Mal mehr mit dem Handy bezahlt als in der Bundesrepublik. Allein das zeigt schon, dass Deutschland eher konservativ und träge ist, was Finanzgeschäfte angeht.

Die Regulierung ist keine Ausrede
Zu guter Letzt tragen auch die Banken dazu bei, dass es Fintechs in baltischen Ländern leichter haben. Das erste Online-Banking gab es schon 1996, und die klassischen Banken bemühen sich um digitale und innovative Lösungen für ihre Kunden. Die Kluft zwischen jungem Fintech und klassischer Bank ist damit nicht so groß wie in Deutschland. Dementsprechend besteht auch keine Hemmschwelle, die Dienste eine Fintechs in Anspruch zu nehmen – Technologie und Finanzen gehören in baltischen Ländern einfach zusammen. Ein weiterer Grund ist, dass die Bankenabdeckung nicht so umfassend ist wie in Deutschland und Verbraucher deshalb häufiger auf digitale Lösungen zurückgreifen.

Eine häufige Vermutung ist, dass die Regulierungsbehörden Fintechs in Estland und Co. bevorzugen. Allerdings ist die Regulierung weder bedeutend strenger noch lockerer als in anderen Ländern. Viele Fintechs registrieren sich freiwillig nach den ersten Jahren in anderen Finanzzentren wie London, um Zugang zu einem größeren Markt zu haben. Die Zentrale und das Entwicklungsteam bleiben dabei oft im Baltikum, weil dort die entsprechen IT-Spezialisten sitzen.

Wer sich einen Fintech-Boom in Deutschland wünscht, der sollte nicht allzu sehr mit dem Finger auf die Politik zeigen, denn diese hat den geringsten Einfluss auf den Erfolg der Fintechs. Vielmehr liegt es an den Unternehmen, sinnvolle Lösungen zu entwickeln, die digitale Infrastruktur zu verbessern und Nutzer von ihren Dienstleistungen zu überzeugen. Im zweiten Schritt täte es den Deutschen gut, sich für neue Technologien im Finanzbereich zu öffnen. Internet und Fintech sind schließlich längst kein Neuland mehr – jedenfalls im Baltikum.


Rein Ojavere ist Chief Financial Officer von Bondora, einer internationalen P2P-Plattform. Auf Bondora können Investoren in Privatkredite investieren und laut Unternehmensangaben bei diversifiziertem Risiko bis zu zweistellige Renditen erwirtschaften.