In den ersten Tagen des neuen Jahres herrschte bei vielen Anlegern und Finanzberatern Frust. Zahlreiche Finanzprodukte wie Fonds oder Zertifikate waren nicht handelbar, weil in der für die Branche zentralen Datenbank von WM Datenservice Angaben zu Zielmärkten oder laufenden Kosten fehlten, die seit Neuestem vorgeschrieben sind. Das Haftungsdach NFS Netfonds ermittelte für FONDS professionell ONLINE, dass noch vor wenigen Tagen bei mehr als 5.000 von insgesamt gut 8.000 Fonds im NFS-Bestand Lücken gab (lesen Sie hier den ausführlichen Bericht). WM-Datenservice-Geschäftsführer Torsten Ulrich stellt sich den Fragen der Redaktion.


Herr Ulrich, zu Jahresbeginn gab es zahlreiche Beschwerden über fehlende Daten, die für einen Fondsvertrieb unter Mifid II eigentlich nötig wären. Ihr Haus ist der zentrale "Daten-Hub", auf den die meisten Banken und Finanzvertriebe setzen, wenn es um Angaben zum Zielmarkt oder die laufenden Kosten geht. Wie groß ist das Problem tatsächlich?

Torsten Ulrich: Es ist schwierig, diese Frage in wenigen Sätzen zu beantworten. Noch relativ einfach ist der Blick auf die reinen Zahlen. Bis heute haben wir in unserer Datenbank für die Assetklasse der Fonds zu rund 43.000 ISINs Zielmarktdefinitionen und Mifid-II-Kostenangaben. Wir schätzen, dass der relevante Gesamtmarkt etwa 50.000 ISINs umfasst – doch das ist wie gesagt eine Schätzgröße. Die genaue Größe lässt sich nur schwer beziffern, da nicht zu allen Fonds diese Informationen bereitgestellt werden und die eine oder andere kleinere KVG, insbesondere aus dem Ausland, die Daten erst noch an die WM liefern muss.

Demnach liegen bei WM die Mifid-II-Daten für über 80 Prozent der von Ihnen erwarteten Fonds vor. Einem Vertrieb, der einen der restlichen 7.000 Fonds vermarkten möchte, dies aber wegen fehlender Zielmarktdefinition nicht kann, hilft diese auf den ersten Blick recht hohe Quote allerdings nicht weiter.

Ulrich: Da gebe ich Ihnen Recht. Wenn ein Kunde deshalb einen Fonds nicht zeichnen kann, ist das sehr ärgerlich – für den Anleger, den Berater, die Bank und nicht zuletzt auch für uns. Aber glauben Sie mir: Wir kämpfen um jede ISIN! Unser Anspruch ist es, die nötigen Daten für jeden Fonds zur Verfügung zu stellen, und ruhen nicht, ehe dieses Ziel erreicht ist. Allerdings ist das alles andere als trivial. Wir sind auf die korrekten Zulieferungen der Kapitalverwaltungsgesellschaften (KVGen) angewiesen. In den meisten Fällen klappt das hervorragend, und wir können die Daten vollautomatisiert ohne Zeitverlust übernehmen. Manchmal hakt es aber, weil beispielsweise die Zulieferung nicht exakt unseren Vorgaben entspricht. Das bedeutet dann viel Handarbeit: Wir müssen bei den Anbietern nachhaken, diese wiederum haben womöglich Rückfragen an uns. Gerade zu Jahresbeginn hat das viel Zeit gekostet. Doch die Zusammenarbeit läuft immer besser, das zeigt die deutliche Zunahme der Abdeckung in den letzten Tagen.

Wir haben von Anbietern gehört, die ihre Zielmarktdefinitionen schon vor Wochen an die Vertriebe geliefert haben. In ihrer Datenbank sind diese Angaben aber nicht zu finden. Wie kann das sein? Schließlich möchte eine Bank, die Ihre Systeme nutzt, verständlicherweise alles auf Knopfdruck haben – und nicht anfangen, die Daten einzelner KVGen selbst einzupflegen.

Ulrich: Klar, genau dafür sind wir ja da, um den Finanzdienstleistern diese Arbeit abzunehmen. Dass die Angaben noch nicht in unseren Systemen verfügbar sind, kann mehrere Gründe haben. Möglich ist zum Beispiel, dass die KVG ihre Daten noch gar nicht an uns liefert. Hier kann ich nur an die Banken und Finanzvertriebe appellieren, die Fondsanbieter zu bitten, das nachzuholen. Einigen KVGen, insbesondere kleineren Häusern aus dem Ausland, ist wahrscheinlich noch gar nicht bewusst, dass unsere Datenbank in der Mifid-II-Welt für den Finanzvertrieb in Deutschland nochmals an Bedeutung gewonnen hat.

Neben dem von Ihnen gemeinsam mit der Finanzindustrie entwickelten Standard-Format gibt es das "European Mifid Template" (EMT). Anbieter ohne großes Deutschlandgeschäft möchten die Mifid-II-Daten in diesem Format anliefern. Ist das möglich?

Ulrich: Um die Hürde für KVGen zur Datenanlieferung möglichst gering zu halten, haben wir für Fonds auch diesen zusätzlichen Anlieferungsstandard integriert. Für 19.000 ISINs im Fondsbereich wurden uns die Zielmarktdaten über EMT schon korrekt geliefert, weitere werden folgen. Zum Thema EMT muss ich etwas ausholen, denn das lief für die gesamte Branche nicht optimal. Wir hatten uns bereits im vergangenen Sommer mit allen wichtigen Verbänden und den Marktteilnehmern auf den von Ihnen erwähnten Standard für die Mifid-II-Datenanlieferung geeinigt. Dieser gilt in Deutschland und Österreich, die Schweiz hat ihn ebenfalls übernommen. Vertriebsstellen und Banken akzeptieren aktuell auch nur diesen Standard für die Datenanlieferung durch die WM. Er deckt also einen sehr relevanten Teil des europäischen Marktes ab. Die finalen Definitionen zum "European Mifid Template" dagegen lagen leider erst Ende des Jahres 2017 vor, also viel zu spät für den Mifid-II-Start. Somit existieren nun auch zwei in Teilen unterschiedliche Lieferformate für das EMT – das ist unter anderem ursächlich für fehlerhafte Datenanlieferungen. Ein einfaches Beispiel: Im EMT-Standard wurde das Lieferformat für den Wert zwei Prozent von uns mit "2" definiert, im Dezember gab die European Working Group für dieses Beispiel dann das Lieferformat "0,02" vor – das schafft unnötige Verwirrung.

Inzwischen können Sie die EMT-Daten aber problemlos verarbeiten?

Ulrich: Ich denke, hier ist die passende Antwort, dass wir von den KVGen oder deren Dienstleistern die Daten inzwischen im korrekten Lieferformat bereitgestellt bekommen und dann natürlich automatisiert verarbeiten und ausliefern können.

Ihr Unternehmen verdient sein Geld damit, dass Sie die Daten an die Finanzvertriebe verkaufen. Die KVGen müssen aber nichts bezahlen, damit Sie in Ihrem System berücksichtigt werden, oder?

Ulrich: Die Einlieferung der Daten in Standard-Format ist kostenlos. Wenn ein Anbieter uns die Daten aber im EMT zur Verfügung stellt, berechnen wir einer KVG wegen des eben schon erwähnten Zusatzaufwands sowie der Notwendigkeit des Mappings in das Standard-Format für die Auslieferung einmalig 2.000 Euro.

Haben Sie eine Prognose, wie sich die Datenabdeckung weiter entwickeln wird?

Ulrich: Aufgrund der positiven Entwicklung der Abdeckungsquote in den letzten Tagen auf nunmehr über 80 Prozent sowie der Tatsache, dass noch einzelne Datenanlieferungen gemeinsam mit den Fondsanbietern korrigiert werden und Anlieferungen noch ausstehen, gehen wir davon aus, dass sich dieser positive Trend in den nächsten Wochen fortsetzten wird. Es kann aber auch in einem Jahr noch passieren, dass zu einzelnen Anteilsklassen keine Zielmarktdefinition zu finden ist.

Vielen Dank für das Gespräch. (bm)