Deutsche Versicherungsgesellschaften hatten sich den 22. Mai dick und fett im Kalender markiert. Bis zu diesem Tag mussten die Assekuranzen auf Anordnung der Finanzaufsicht Bafin ihre sogenannte Solvenzquote veröffentlichen. Diese soll angeben, wie krisenfest ein Versicherer auch in Zeiten hartnäckiger Minizinsen ist.

Die Behörde verlangt bei ihrem "Stresstest" eine Mindestquote von 100 Prozent. Die technische Erklärung dafürt Gemäß Paragraf 89 Versicherungsaufsichtsgesetz (VAG) müssen Versicherer stets über anrechnungsfähige Eigenmittel mindestens in Höhe ihrer jeweiligen SCR-Quote verfügen. Diese entspricht dem "Value-at-Risk der Basis-Eigenmittel zu einem Konfidenzniveau von 99,5 Prozent über ein Jahr", wie es im Gesetz heißt. Vereinfacht gesagt: Ein Versicherer, der über anrechnungsfähige Eigenmittel in Höhe der Solvabilitätskapitalanforderungen verfügt, muss mit einer Wahrscheinlichkeit von wenigstens 99,5 Prozent in der Lage sein, Verluste auszugleichen, die innerhalb des nächsten Jahres eintreten.


Wenn Sie die Solvenzquoten der zehn führenden deutschen Lebensversicherer, gemessen an dem von der Bafin Ende 2015 gezählten Policenbestand, wissen möchten  – klicken Sie sich durch die Bilderstrecke oben!


Das Portal "Policen Direkt" hat die Zahlen, soweit veröffentlicht, gesammelt. Der Anbieter für Lebenspolicen auf dem Zweitmarkt zählte dabei 84 Meldungen, worunter jedoch auch Schwesterunternehmen fielen. So sind etwa die Ergo Lebensversicherung und die Ergo Direkt einzeln vertreten.

Die zehn Versicherer mit den höchsten Solvenzquoten

Quelle: Policen Direct

Von diesen 84 Unternehmen haben 12 eine Solvenzquote von unter 100: Die Concordia Oeco Lebensversicherung,  Arag Lebensversicherung, Familienfürsorge Lebensversicherung , Karlsruher Lebensversicherung,  Bayerische Beamten Lebensversicherung, Athene Lebensversicherung, DEVK Versicherungen, DEVK Deutsche Eisenbahn Versicherung Lebensversicherungsverein, Öffentliche Lebensversicherung Oldenburg, Landeslebenshilfe V.V.a.G, Rheinland Lebensversicherung und die Süddeutsche Lebensversicherung.

Solvenzquote allein nicht aussagefähig
Die Kennzahl selbst ist branchenintern nicht unumstritten. Experten räumen zwar ein, dass sie eine erste Orientierung geben kann, wie krisenfest ein Versicherer ist – sie sei aber nicht die ultimative Kennziffer:

"Das ist wie beim Bodymaßindex. Es gibt die Magersüchtigen, und es gibt die Übergewichtigen", äußerte sich beispielsweise Allianz-Finanzvorstand Dieter Wemmer in einem Kurzinterview mit dem "Handelsblatt". "Man muss also schauen, dass man im gesunden Mittelfeld bleibt. Eine Überkapitalisierung schadet auch dem Geschäft, damit ist man ineffizient."

Vorsicht vor Schnellschüssen
Fachleute unterstreichen weiter, dass es keine unternehmensübergreifende Vergleichbarkeit der Zahlen gebe. Diese beruhten auf unterschiedlichen Berechnungen mit Hilfe von Modellen. Einige Gesellschaften setzen auf das offizielle Standardmodell, andere nutzen ein individuelles internes System.

Hinzu komme, dass selbst die Versicherer, die das Standardmodell einsetzten, individuelle Annahmen einfließen lassen, etwa über künftige Vertragsstornierungen oder die weitere Aufteilung ihrer Kapitalanlagen und das Management der Überschussbeteiligungen für die Kunden. Damit nicht genug: Es gibt Übergangsmaßnahmen bis zum Jahr 2031, welche die Unternehmen mit Genehmigung der Aufsichtsbehörde legitim anwenden können und die dann zu höheren Solvenzquoten führen.

Das zeigt sich bei Gesellschaften mit Solvenzquoten unterhalb der "kritischen" 100er-Marke. Diese haben auch Zahlen unter Berücksichtigung von Übergangsmaßnahmen und/oder Volatilitätsanpassungen gemeldet – diese liegen ausnahmslos oberhalb von 200 Prozent. (jb)