Die Assekuranz wirbt damit, dass eine Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) unerlässlich ist für jeden Arbeitnehmer. Gegen das Argument der Versicherer, dass Mann oder Frau sich dadurch finanziell absichert, kann man schwer etwas erwidern. Allerdings gibt es in der Praxis einen großen Haken: Versicherer zahlen die versprochene Rente bei Weitem nicht immer – das Verhalten der Gesellschaften im sogenannten Leistungsfall klafft weit auseinander, wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) unter Berufung auf eine Umfrage der Beratungsgesellschaft Premium Circle meldet.

Die Consultants haben dazu einen Fragebogen mit 111 Punkten an 61 Versicherer geschickt, mit dessen Hilfe sie herausfinden möchten, wie diese im Leistungsfall entscheiden. Das ernüchternde Ergebnis: Nur sieben haben überhaupt geantwortet, nämlich Alte Leipziger, AxA, Barmenia, Debeka, HDI, LV 1871 und Swiss Life. Die anderen hatten laut FAZ keine Zahlen vorliegen oder antworteten nicht, darunter Marktgrößen wie die Allianz, Ergo oder Generali. Damit gleicht der Abschluss einer BU einer Lotterie: Ob der Kunde einen Versicherer ausgesucht hat, der anstandslos zahlt oder nicht, stellt sich erst nach Jahren heraus und ist zudem höchst ungewiss.

Antworten dennoch brauchbar
Dennoch seien die erhaltenen Antworten durchaus aussagekräftig: Demnach waren die Kunden im Leistungsfall durchschnittlich 47,2 Jahre alt. Das entspreche in etwa dem Wert einer ähnlichen Befragung, die vor zwei Jahren durchgeführt wurde. Zwischen 55,5 und 87,7 Prozent der gemeldeten Fälle seien von den Versicherern anerkannt worden – keine Verbesserung gegenüber der letzten Untersuchung. Mit anderen Worten: Manche Versicherer entscheiden beinahe neun von zehn Anträge auf Rente positiv, andere wiederum nur knapp jeden zweiten Antrag. 

Dagegen habe der Anteil der Klageerhebungen durch die Kunden gegen abgelehnte Rentenanträge zugenommen. Im Extremfall haben 32 Prozent der Antragsteller eines Anbieters vor Gericht ziehen müssen, bei einem anderen Versicherter waren es gerade einmal drei Prozent. 

Premium Circle kritisiert schwammige Formulierungen
Auch die Bearbeitungsdauer hat sich für die Kunden trotz der fortschreitenden Digitalisierung klar verschlechtert, so die Zeitung. Durchschnittlich mussten diese 116 Tage bis zum Bescheid warten. Wurden Leistungen befristet anerkannt, fiel die Dauer beim Versicherer mit der niedrigsten Leistung auf vier Jahre, beim Versicherer mit der höchsten Leistung auf 7,8 Jahre.

Zudem kritisiert Premium Circle die Fülle unbestimmter Begriffe und unverbindlicher Formulierungen im Gesetz, in den Musterbedingungen und den Verträgen, die diese eklatanten Unterschiede überhaupt erst ermöglichen. (jb)