Europäische Anleger müssen sich auf eine neue Ära der Inflation einstellen, die Europäische Zentralbank (EZB) wird eine erste Zinserhöhung trotzdem noch eine Weile vor sich herschieben. Darauf weist der Kölner Vermögensverwalter Bert Flossbach im aktuellen Kapitalmarktbericht seines Hauses hin. Der Angriffskrieg des russischen Präsidenten Wladimir Putin treffe die Welt zu einem Zeitpunkt, an dem die Nachwirkungen der Pandemie in Form unterbrochener Lieferketten noch nicht überwunden sind. Die Energie- und Rohstoffpreise klettern derzeit auf schmerzhafte Niveaus. "Jetzt braut sich ein perfekter Inflationssturm zusammen", glaubt der Gründer von Flossbach von Storch.

Wenn die Unternehmen die höheren Kosten an Kunden und Endverbraucher weitergeben, werde der Sturm auch die Konsumentenpreise erfassen. In Deutschland ist die Konsumentenpreisinflation bereits im März auf 7,3 Prozent gestiegen, erinnert Flossbach. Damit verzeichnete die Teuerung den höchsten Preisanstieg seit 1974. Gleichzeitig erreichte die Inflation in der Eurozone mit 7,5 Prozent den mit Abstand höchsten Wert seit Einführung des Euro. Selbst die sogenannte Kerninflation, die den Anstieg der Energie- und Nahrungsmittelpreise ausklammert, erreichte mit drei Prozent einen neuen Rekordwert.

Nicht nur vorübergehend 
"Die Notenbanken haben ihre Hoffnungen auf ein Inflationsintermezzo, das sie mit dem Narrativ eines ‚transitorischen‘, also rasch vorübergehenden, Inflationsbuckels bis vor kurzem gepflegt haben, inzwischen begraben", ist Flossbach überzeugt. In den USA, wo sich die Inflation bereits im Frühjahr 2021 meldete, stieg die Teuerungsrate im März dieses Jahres auf 8,5 Prozent.

In den USA brummt allerdings der Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosenquote ist zuletzt auf 3,6 Prozent gesunken, im ersten Quartal wurden fast 1,7 Millionen neue Jobs geschaffen. Auch die Löhne sind im März gegenüber dem Vorjahr mit 5,6 Prozent deutlich gestiegen, was den Preisauftrieb weiter anfacht. Dank des Booms am Arbeitsmarkt könne sich die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) nun auf das Ziel der Preisstabilität konzentrieren, so Flossbach.

Kaum bedrohliches Szenario in den USA
Am 16. März hat die Fed den Leitzins erstmals erhöht, weitere Schritte sollen im Laufe des Jahres folgen. Angesichts des hohen Inflationsniveaus in den USA wirkt ein solches Zinsniveau kaum bedrohlich. Der erste Zinsschritt dürfte weniger den Beginn einer echten Wende markieren, sondern eher den Versuch, das Zinsniveau wieder etwas zu normalisieren, glaubt Flossbach. In Bezug auf die Zinspolitik der EZB könne davon noch nicht die Rede sein. Für 2022 erwartet die Notenbank eine Inflationsrate von immerhin 5,1 Prozent. Für 2023 nannte sie eine Inflationserwartung von nur noch 2,1 Prozent und für 2024 erstmals wieder eine geldpolitisch "korrekte" Erwartung von 1,9 Prozent. 

"Mit diesem Inflationsoptimismus kauft sich die EZB Zeit", schreibt Flossbach. Immerhin könnten die Anleihekäufe im dritten Quartal dieses Jahres auslaufen. Erst einige Zeit später soll dann auch der Leitzins erstmals seit 2011 wieder über die Nulllinie gehoben werden. "Das sind keine guten Nachrichten für Sparbuch-Fans, die angesichts negativer Realzinsen mit einem deutlichen Wertverlust ihrer Einlagen rechnen müssen", konstatiert Flossbach. (am)