Joe Kaeser, Aufsichtsratsvorsitzender von Siemens Energy und Daimler Truck, hat auf dem FONDS professionell KONGRESS klare Worte zur geopolitischen und wirtschaftlichen Lage Europas gefunden. Gemeinsam mit Tilmann Galler, globaler Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management, diskutierte er über Weltpolitik, künstliche Intelligenz und Energiefragen.

Davos als "Trump-Festspiele"
Eingeleitet wurde die Diskussion mit einem persönlichen Rückblick Kaesers auf das Weltwirtschaftsforum in Davos. Dieses sei stark von der Rede des US-Präsidenten geprägt gewesen – eine Woche lang habe sich alles um einen Auftritt gedreht. Positiv wertete Kaeser, dass angekündigte Strafzölle im Zusammenhang mit dem Konflikt um Grönland zunächst ausblieben. Kritisch sieht er jedoch den vorgestellten "Peace-Plan", der aus seiner Sicht wie eine Parallelstruktur zu den Vereinten Nationen wirke. Insgesamt habe sich Davos zu sehr zu einem politischen Gipfel entwickelt, statt ein Forum für den Austausch zwischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zu bleiben.

Europa zwischen den Machtblöcken
Mit Blick auf Europa lobte Kaeser den Auftritt von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ausdrücklich, kritisierte jedoch die anschließende Entscheidung, das Mercosur-Abkommen dem Europäischen Gerichtshof zu überlassen. Dies zeige, wie "unsortiert" Europa agiere. Um sich zwischen den Machtblöcken USA und China behaupten zu können, brauche es eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik sowie strategische Wirtschaftsabkommen – etwa mit dem Mittleren Osten, um sich energiepolitisch breiter aufzustellen.

Europa müsse aus einer Position der Stärke heraus verhandeln. Nur wenn glaubhaft Alternativen existierten, werde Europa ernst genommen. Während die USA ihren Machtanspruch offen formulierten und China leise, profitiere Peking derzeit davon, dass Europa eine "offene Flanke" biete. Handelsabkommen – etwa mit Indien – seien daher doppelt wichtig: Sie eröffneten Zugänge zu Talenten und Technologie und schafften geopolitische Optionen.

KI als größte technologische Blase – mit langfristiger Wirkung
Beim Thema künstliche Intelligenz sprach Kaeser von der "größten technologischen Blase der Neuzeit". Viele KI-Unternehmen würden verschwinden, die wenigen verbleibenden aber die Welt grundlegend verändern. Er unterschied mehrere Ebenen der KI-Wertschöpfung – von Energieversorgung und Chips über Rechenzentren und Cloud-Infrastruktur bis hin zu Large-Language-Models und einer weiteren Ebene, in der Hardware und Software für virtuelle und physische Welt verschmelzen.

Entscheidend sei, dass KI nicht primär zum Abbau von Arbeitsplätzen genutzt werde. Gesellschaftlich akzeptabel sei sie nur, wenn sie Wohlstand fördere und globale Grundbedürfnisse wie Gesundheit, Ernährung und Infrastruktur besser bediene.

Europas Rolle im KI-"Goldrausch"
Für Europa sieht Kaeser die Chance darin, im KI-"Goldrausch" die "Schaufeln" zu liefern. Der strategische Vorteil liege weniger in führenden Chips als im industriellen Datenschatz, in Rechenzentren und in der Verbindung von Daten mit Rechenleistung. Europas Klima sei günstig für Rechenzentren. Voraussetzung sei jedoch eine Regulierung, die Innovation ermögliche statt behindere.

Energiepolitik braucht langen Atem
Abschließend forderte Kaeser eine 20- bis 30-jährige Energieagenda, die Versorgungssicherheit, Kosten und Nachhaltigkeit in Einklang bringt. Deutschland habe sich zeitweise von rationaler Energiepolitik entfernt und sei ideologisch abgedriftet. Für Industrie und Investoren brauche es vor allem verlässliche Perspektiven bei den Energiekosten. Zudem plädierte Kaeser für eine aktivere europäische Industriepolitik – etwa bei der Fusionsenergie, wo Deutschland aufgrund seiner industriellen Kompetenzen gut positioniert sei, sofern Europa seine Kräfte bündelt. (hh)