Kaum eine Frage beschäftigt Wirtschaft und Investoren mehr als die, ob Zinsen steigen oder sinken. Davon hängt die weitere ökonomische Entwicklung und damit auch die Richtung der Börsen ab. Luca Pesarini, Gründer und Chief Investment Officer der Fondsgesellschaft Ethenea, geht davon aus, dass die Zinsen sinken werden. In seinem Vortrag "Zinsen, Zoff und Zukunft" auf dem FONDS professionell KONGRESS führte er aber Argumente sowohl für höhere als auch niedrigere Zinsen an. Zudem schaute er auf politische Entwicklungen, die Gefahren für Anleger bergen könnten, und stellte einige interessante Investmentideen für die Zukunft vor.

Nach Pesarinis Ansicht spricht einiges für tiefere Zinsen, obwohl die Inflationsrate in den USA zuletzt noch deutlich über dem Zwei-Prozent-Ziel der Notenbank lag und die Fed bei ihrer Januar-Sitzung die Leitzinsen nicht angetastet hat, nach drei Zinssenkungen in Folge am Ende des vergangenen Jahres. Es gebe aber einen desinflationären Druck, zum einen durch die gestiegene Effizienz der Unternehmen aufgrund des Einsatzes von Software auf Basis künstlicher Intelligenz (KI), zum anderen wegen des infolge eines Überangebots gesunkenen Ölpreises, erläuterte Pesarini.

Zinsen mit verschiedenen Einflussfaktoren
Eine Rolle beim Zinsniveau am Kapitalmarkt spielen zunehmend auch die höheren Emissionen von Stablecoins; also Kryptowährungen, die an den Wert von Vermögenswerten, meist den US-Dollar, gebunden sind. Zur Besicherung werden dabei Staatsanleihen gekauft – was die Nachfrage erhöht und so tendenziell die Zinsen drückt. Außerdem wollen die USA die Kapitalvorschriften für Banken erleichtern, sodass die Institute mehr US-Treasuries halten können – was ebenfalls die Zinsen nach unten drücken könnte, wie Pesarini erklärte.

Auf der anderen Seite spreche die Emissionsflut bei Staatsanleihen, gerade in den USA, ebenso wie der Kredithunger der sogenannten Hyperscaler unter den Unternehmen, die ihre KI-Investitionen durch Anleihen finanzieren, für höhere Zinsen. "Die Attacken der US-Regierung auf die Unabhängigkeit der Fed könnten ebenso zu höheren Zinsen führen", so Pesarini. Das verschreckt Anleger – und sie wenden sich von Investments in den USA ab. 

"Aber auch in Europa könnten die Zinsen steigen. Ein wichtiger Grund ist die Systemreform niederländischer Pensionsfonds", führte Pesarini aus. Die Vorsorgeeinrichtungen hielten zuletzt Assets im Wert von rund 1,75 Billionen Euro und stellen nun nach und nach auf risikoreichere Anlagen um, wobei sie sich von langlaufenden Euro-Staatsanleihen trennen. Das könnte zu insgesamt geringerer Nachfrage bei diesen Papieren und damit steigenden Renditen führen, vor allem bei längeren Laufzeiten.

Zoff durch Trumps "America First"-Politik
Neben den Zinsen kam Pesarini auf einige politische Entwicklungen zu sprechen, die Anleger im Blick haben sollten – Stichwort "Zoff". An erster Stelle steht dabei klar die neue politische Linie in den USA, nach der gilt: "America First". Größter Konkurrent der Vereinigten Staaten sei China, unter anderem wegen der Handelsüberschüsse – da sind Konflikte vorprogrammiert.

Interessant sei aber, dass US-Präsident Donald Trump innenpolitisch einige Anordnungen getroffen habe, aufgrund derer Pesarini rhetorisch fragt, ob Trump ein Sozialist sei. "Die beiden halbstaatlichen Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac sollen Hypothekenanleihen im Wert von 200 Milliarden Dollar kaufen, um die Hypothekenzinsen zu senken", erläuterte er. Institutionelle Anleger sollen keine Eigenheime mehr erwerben dürfen. Und die Kreditkartenzinsen sollen bei zehn Prozent gedeckelt werden.

Zukunftsträchtige Investments
Beim dritten Schlagwort im Vortragstitel, "Zukunft", blickte Pesarini auf zukunftsträchtige Investments. Dazu zählt für ihn die Nukleartechnik, die sich weiterentwickelt habe und interessant werde, gerade angesichts der vielen geplanten Rechenzentren, die viel Strom brauchen. Ein weiterer Bereich sei die Raumfahrtechnik, besser die Raketentechnik. "Die kommerzielle Nutzung des Alls schreitet voran, etwa Satellitenkommunikation, In-Orbit-Services oder Erdbeobachtung, wofür man Raketen braucht", so Pesarini. Mögliche Profiteure sind etwa SpaceX, das seinen IPO 2026 plant, sowie Airbus, GE Aerospace und Rocket Lab. (jb)