Weite Teile der westlichen Welt sind in einer Abwärtsspirale aus hohen Schulden und geringem Wachstum gefangen. Dies sagte Nassim Nicholas Taleb in seiner Eröffnungsrede zum FONDS professionell KONGRESS 2026. "Wir sollten mehr über Weiße Schwäne sprechen, also Ereignisse, die statistisch wahrscheinlich sind und eintreten werden, die jedoch ignoriert werden", so der Star-Buchautor, Finanzmathematiker und frühere Börsenhändler.

Taleb spielt damit auf sein Buch an, mit dem er Berühmtheit erlangt hat. In "Der Schwarze Schwan" setzte er sich mit unvorhersehbaren Ereignissen und der Risikokontrolle in der Finanzwelt auseinander. In der Eröffnungsveranstaltung in Mannheim verweist er jedoch darauf, dass die westliche Welt zusehends und unaufhaltsam an Einfluss und Kraft verliert, "egal was US-Präsident Donald Trump alles sagt", mahnt Taleb. Dieser Bedeutungsverlust werde jedoch von der Politik weitgehend ignoriert.

"Der Westen ist gesättigt"
Taleb begründet den Abfluss der Macht des Westens mit dem schwachen Wirtschaftswachstum bei zugleich hohem Schuldenstand. "Der Westen ist gesättigt", sagt der Wissenschaftler. Die ökonomische Entwicklung von Volkswirtschaften verlaufe meist nach dem Muster einer S-Kurve, erläutert Taleb. Junge, aufstrebende Nationen verzeichnen hohe Zuwachsraten, da mit zunehmender Wirtschaftsleistung und Bildung immer mehr Menschen einer immer produktiveren Arbeit nachgehen.

Die meisten westlichen Länder sieht Taleb jedoch im Abstieg begriffen, China wiederum stehe vor einem Scheitelpunkt. Noch genüge dort relativ geringes Wachstum, um eine aufwärtsgerichtete Tendenz aufrechtzuerhalten. In den Nationen westlicher Prägung hingegen würden schon neue Schulden aufgenommen, um die alte Schuldenlast überhaupt bedienen zu können. "Wenn man Schulden hat, muss man wachsen", meint Taleb.

"Erfahrung der Weimarer Republik"
Insbesondere in Ländern wie den USA, Frankreich oder Japan sieht er die akute Gefahr einer Überschuldung bei zu geringem wirtschaftlichen Wachstum. Die erratische Politik von Trump dämpfe zudem die Investitionsbereitschaft in den USA. "Das wird uns über Jahre noch belasten", meint Taleb, auch über die Amtszeit von Trump hinaus. Auch dessen Zollpolitik werde nicht funktionieren. "Er will all das über den Haufen werfen, was wir in der Wirtschaftswissenschaft in den vergangenen Jahrhunderten gelernt haben."

Deutschland hingegen sieht der Risikoforscher mit Blick auf Schuldenlast und Haushaltsdefizit noch als vergleichsweise gut dastehen. "Sie haben die Erfahrung der Weimarer Republik und der Währungsentwertung gehabt", so Taleb zu dem Publikum in Mannheim. Dies habe in den vergangenen Jahrzehnten die deutsche Wirtschaftspolitik geprägt. "Viele andere Nationen haben diese Erfahrung nicht gemacht." Er selbst investiere etwa lieber in deutsche Bundesanleihen als in Bonds anderer Länder, verrät Taleb.

Gold und Silber statt Schweizer Franken
Daneben investiere er in Edelmetalle wie Gold und Silber. Schlüsselmoment für diese Entscheidung sei das Jahr 2022 gewesen, als russische Vermögenswerte weltweit eingefroren wurden, sogar in der Schweiz. "Der Schweizer Franken hatte früher, neben der D-Mark, den Status der ultimativen Reservewährung. Doch den hat der Franken eingebüßt." Auch die Notenbanken der Schwellenländer würden nunmehr ihre Reserven in Gold anlegen, verschärft nach den Eskapaden von Trump. Westliche Währungen stünden damit ebenfalls vor einem Bedeutungsverlust.

Anlegern empfiehlt Taleb eine Hantel-Strategie, bei der im Portfolio einerseits riskante Anlagen forciert eingesetzt werden, andererseits sichere Vermögenswerte als Absicherung. "Viele Anleger konzentrieren sich zu stark auf die Mitte", so Taleb. Zudem sollte grundsätzlich ein kompletter Boden gegen Kursverluste im Portfolio eingezogen werden, etwa über Derivate. Stop-Loss-Orders seien dafür nicht ausreichend. Er selbst investiere jedoch nicht in Aktien. "Ich mag keine Aktien", verrät der Star-Redner. "Ich habe nie verstanden, wie sie funktionieren." (ert)