Seismograf der Angst: Gold über 5.000 Dollar
Der Goldpreis übertrifft erstmals die Marke von 5.000 Dollar je Unze. Die Flucht aus Anleihen und Währungen, geopolitische Spannungen unter US-Präsident Donald Trump und Sorgen um Staatsfinanzen treiben Edelmetalle auf Rekordstände.
Gold ist erstmals über die Marke von 5.000 US-Dollar je Unze gestiegen. Damit setzt sich eine rasante Rally fort, die durch die Neuausrichtung der internationalen Beziehungen unter US-Präsident Donald Trump sowie durch die Flucht von Investoren aus Staatsanleihen und Währungen angetrieben wird.
Der Goldpreis legte zeitweise um bis zu 2,1 Prozent zu und kletterte auf knapp über 5.100 Dollar, wobei die Schwäche des Dollar die Nachfrage zusätzlich stützte. Ein Index für den Greenback ist innerhalb von sechs Handelstagen um fast zwei Prozent gefallen. Spekulationen, wonach die USA Japan bei Maßnahmen zur Stärkung des Yen unterstützen könnten, schüren zusätzlich Sorgen über die Unabhängigkeit der US-Notenbank und Trumps erratische Wirtschaftspolitik. Auch Silber sprang auf ein Rekordhoch von über 109 Dollar je Unze und stieg damit den dritten Tag in Folge.
Angstindikator
Die dramatischen Kursgewinne – der Goldpreis hat sich in den vergangenen zwei Jahren mehr als verdoppelt – unterstreichen die historische Rolle des Edelmetalls als Angstbarometer an den Finanzmärkten. Nach dem besten Jahresergebnis seit 1979 liegt Gold in diesem Jahr bereits mehr als 17 Prozent im Plus. Haupttreiber ist der sogenannte "Debasement Trade", bei dem sich Anleger aus Währungen und US-Staatsanleihen zurückziehen.
Ein massiver Ausverkauf am japanischen Anleihemarkt in der vergangenen Woche gilt als jüngstes Beispiel dafür, dass Investoren eine ausufernde Fiskalpolitik zunehmend ablehnen.
"Gold ist das Gegenteil von Vertrauen"
In den vergangenen Wochen haben auch mehrere Maßnahmen der Trump-Regierung die Märkte verunsichert – darunter Angriffe auf die Federal Reserve, Drohungen zur Annexion Grönlands sowie ein militärisches Eingreifen in Venezuela. Für Anleger, die sich in diesem Umfeld orientieren müssen, war die Rolle von Gold als sicherer Hafen selten attraktiver.
"Gold ist das Gegenteil von Vertrauen", sagt Max Belmont, Portfoliomanager bei First Eagle Investment Management. "Es ist eine Absicherung gegen unerwartete Inflationsschübe, nicht einkalkulierte Markteinbrüche und geopolitische Eskalationen."
Handelskonflikte und politische Risiken
Am Wochenende drohte Trump Kanada mit Zöllen von 100 Prozent auf sämtliche Exporte in die USA, sollte Ottawa ein Handelsabkommen mit China schließen. Damit verschärften sich die bilateralen Spannungen weiter. Gleichzeitig bleibt die politische Unsicherheit innerhalb der USA hoch: Der demokratische Mehrheitsführer im Senat, Chuck Schumer, kündigte an, ein umfassendes Ausgabenpaket zu blockieren, falls die Republikaner die Finanzierung des Heimatschutzministeriums nicht streichen. Damit steigt das Risiko eines teilweisen Government Shutdowns.
Schulden als struktureller Preistreiber
Die wachsende Staatsverschuldung in den Industrienationen ist zu einer weiteren tragenden Säule der Goldrally geworden. Einige langfristig orientierte Investoren gehen davon aus, dass Inflation letztlich der einzige Weg zur Sicherung staatlicher Zahlungsfähigkeit sein wird – und setzen deshalb auf Gold, um Kaufkraft zu erhalten.
"In den vergangenen drei Jahren sind die Sorgen über die langfristige Schuldenentwicklung deutlich gewachsen", sagt John Reade, Chefstratege beim World Gold Council. "Am stärksten begegnen mir die Argumente rund um Entwertung und Verschuldung bei Family Offices. Dort geht es um den Schutz von Vermögen über Generationen hinweg und weniger um kurzfristige Entwicklungen."
Der Höhepunkt dieses "Debasement Trades" wurde Ende 2025 erreicht, als prominente Investoren wie Citadel-CEO Ken Griffin und Bridgewater-Gründer Ray Dalio den Goldpreisanstieg als Warnsignal interpretierten.
Blick auf die Fed-Spitze
Anleger warten nun auf Trumps Nominierung für den nächsten Vorsitz der Federal Reserve, nachdem der US-Präsident erklärt hatte, die Gespräche mit Kandidaten abgeschlossen zu haben und bereits eine Entscheidung im Kopf zu haben. Ein taubenhafterer Notenbankchef würde die Erwartungen an weitere Zinssenkungen in diesem Jahr erhöhen – ein positives Umfeld für das unverzinsliche Edelmetall nach drei aufeinanderfolgenden Zinsschritten nach unten.
"Viele der aktuellen, durch Trump ausgelösten geopolitischen Unsicherheiten werden so schnell nicht verschwinden", sagt Vasu Menon, Managing Director für Anlagestrategie bei Oversea-Chinese Banking. Das bedeute, dass "Gold in den kommenden Monaten und sogar Jahren eine Rolle spielen könnte, auch wenn sich Anleger nach den starken Gewinnen der vergangenen zwölf Monate auf zwischenzeitliche Rücksetzer einstellen müssen".
Positionierung spricht für Edelmetalle
Die Attraktivität von Gold spiegelt sich auch in den Positionierungsdaten wider. Hedgefonds und andere große Spekulanten erhöhten ihre Netto-Long-Positionen in der Woche bis zum 20. Januar auf den höchsten Stand seit 16 Wochen, wie aus US-Regierungsdaten hervorgeht.
Silber profitiert ebenfalls von einer starken Investmentnachfrage, unter anderem von Privatanlegern von Shanghai bis Istanbul. Gleichzeitig warten Investoren auf Klarheit über mögliche neue US-Handelszölle. (mb/Bloomberg)
















