Ein Vergütungssystem, bei dem der Bonus des Vorstands nicht an die Erreichung von ESG-Zielen geknüpft ist? Das kommt bei vielen Fondsanbietern schlecht an. Einige lehnen solche Modelle aus Prinzip ab, wenn auf der Hauptversammlung darüber abgestimmt wird. Doch wie sieht es in der eigenen Firma aus? Den Investmenthäusern würde eine solche Kopplung gut zu Gesicht stehen, schließlich tragen sie das Thema Nachhaltigkeit gerne mit breiter Brust vor sich her.

"Die Asset Manager gehören eindeutig zu den Treibern, wenn es branchenübergreifend darum geht, ESG-Ziele in der Vorstandsvergütung zu verankern. Entsprechende Forderungen finden sich wohl in den Abstimmungsrichtlinien der meisten großen Investmenthäuser", sagt Petra Knab-Hägele, als Senior-Partnerin bei der Frankfurter Unternehmensberatung HKP unter anderem für die Finanzdienstleistungsbranche verantwortlich. "Insofern ist das Thema auf jeden Fall bei den Asset Managern angekommen – das gilt jedoch in erster Linie für ihre Rolle als Investor, nicht unbedingt auch für das eigene Haus."

18 Asset Manager geben Auskunft
Ähnliches beobachtet Sebastian Pacher, Co-Leiter der Geschäftseinheit "Compensation & Performance Management" bei der Vergütungsberatung Kienbaum in Düsseldorf. Grundsätzlich sei die Incentivierung bei vielen Asset Managern zwar recht stark auf Langfristigkeit ausgelegt. Aber: "Konkret an ESG-Zielen ist momentan noch eher ein kleiner Teil der variablen Vergütung ausgerichtet", sagt er. Allerdings weise die Tendenz nach oben.

Weder Knab-Hägele noch Pacher kennen umfassenden Erhebungen dazu, inwiefern Asset Manager das Gehalt ihrer Führungskräfte an ESG-Ziele gekoppelt haben. Also hat FONDS professionell fast 50 Investmentgesellschaften angeschrieben, darunter die größten Asset Manager der Welt und Europas sowie einige kleinere Anbieter. Jedes zweite Haus wollte sich nicht zu dem Thema äußern, einige reagierten nicht auf die Anfrage. 18 Anbieter gaben der Redaktion Auskunft, wie sie die Bezüge an Nachhaltigkeitsziele koppen. Die Details finden Sie tabellarisch aufbereitet in der soeben veröffentlichten Ausgabe 2/2022 von FONDS professionell auf Seite 382. Die Erhebung ist zwar nicht repräsentativ, verdeutlicht aber, dass es in der Branche ganz unterschiedlich ausgereifte Modelle gibt, wenn es um eine Kopplung der Bezüge an ESG-Ziele geht.

Kriterium für das FNG-Siegel
Zu einem ähnlichen Schluss kommt, wer sich mit Simone Wagner unterhält. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hamburg gehört zu dem Team, das die unabhängigen Prüfungen für das FNG-Siegel vornimmt, mit dem nachhaltige Fonds ausgezeichnet werden. "Ein Kriterium, anhand dessen wir die institutionelle Glaubwürdigkeit der Bewerber für das FNG-Siegel bewerten, ist die Vergütungsstruktur im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit", sagt Wagner. "Die Asset Manager sollen aufzeigen, inwiefern Gehälter und Boni in ihren Unternehmen an die Nachhaltigkeitsleistung gekoppelt sind."

Der Tenor nach Hunderten solcher Prüf- und Bewertungsprozesse, die sie und ihre Kollegen begleitet haben: "Das Thema steckt noch in den Kinderschuhen", sagt Wagner. "Nur wenige Asset Manager haben sich bereits intensiv damit beschäftigt oder entsprechende Programme in ihrem Haus umgesetzt. Es zeichnet sich aber ab, dass die Verbreitung solcher Vergütungsmodelle zunimmt."

Über konkrete Namen darf Wagner nicht sprechen – die Inhalte der Prüfungen für das FNG-Siegel bleiben vertraulich. Einige generelle Beobachtungen kann sie jedoch öffentlich machen. Demzufolge haben sie und ihre Kollegen vier verschiedene Kategorien ausgemacht, die für die Incentivierung eine Rolle spielen. Da sind erstens Kennzahlen, die für das Asset Management typisch sind. "Ein Beispiel ist der Sales-Mitarbeiter, der belohnt wird, wenn das in ESG-Strategien verwaltete Vermögen zunimmt", sagt Wagner. "Häufiger honoriert wird auch die Entwicklung neuer Nachhaltigkeitsfonds oder die Integration von ESG-Kriterien in den Investmentprozess."

Bienenstock auf dem Dach
Die zweite Rubrik sind Performance-Kennziffern. "Eine Möglichkeit ist es, die Verbesserung des ESG-Ratings eines Produkts zu messen. Es kommt aber auch vor, dass ein Teil der Vergütung an der Zahl der Engagements hängt, die ein Fondsmanager mit Unternehmen aus seinem Portfolio durchführt – da spielt dann oft nur die Quantität eine Rolle, nicht die Qualität." In diese Schublade passen Wagner zufolge auch Anreizsysteme, die sich an der Zahl der Schulungen oder Webinare zu Nachhaltigkeitsthemen orientieren, die ein Vertriebsmitarbeiter angeboten hat.

In die dritte Kategorie fallen Themen aus dem Bereich "Corporate Social Responsibility". "Belohnt werden beispielsweise Spenden an karitative Organisationen oder Einsparungen beim Papier- oder Energieverbrauch", berichtet Wagner. Als vierte Rubrik nennt die Wissenschaftlerin Modelle, die auf das persönliche Verhalten der Mitarbeiter zielen. "Honoriert wird beispielsweise, wenn ein Portfoliomanager bei Dienstreisen auf das Flugzeug verzichtet und stattdessen mit der Bahn fährt." Mitunter kommen ihr auch Einzelfälle unter, die auf den ersten Blick vielleicht skurril anmuten, auf den zweiten Blick aber angenehm handfest sind, etwa wenn ein Mitarbeiter für die Errichtung von Hochbeeten oder eines Bienenstocks auf der Dachterrasse des Bürogebäudes belohnt wird. (bm)


Der vollständige Beitrag ist in FONDS professionell 2/2022 ab Seite 376 erschienen.