Der Begriff der "Entkopplung", mit dem im Zuge der US-Rezession von 2001/02 die Widerstandsfähigkeit der Schwellenländervolkswirtschaften beschrieben wurde, ist jetzt wieder in aller Munde, schreibt Devan Kaloo, Leiter des Emerging Markets Equity Team bei Aberdeen Asset Management (Aberdeen AM) in seinem aktuellen Marktkommentar. Seit den Höchstständen im Oktober letzten Jahres seien die Aktienmärkte vieler Schwellenländer, vor allem Chinas und Indiens, gefallen. "Dieser Kursrutsch fiel sogar stärker aus als der 15-prozentige Rückgang des S&P 500, was darauf hindeutet, die Volkswirtschaften dieser aufstrebenden Länder immer noch entscheidend vom US-Wachstum geprägt werden", so Kaloo, der weiter schreibt:. "Skeptiker der Entkopplungsthese vertreten den Standpunkt, dass dies in einer zunehmend vernetzten Welt zwangsläufig sei. Nach ihrer Ansicht sind die Schwellenländer im Zuge der Globalisierung noch abhängiger von Exporten in die USA und andere Industrieländer geworden. Deswegen würden die Konjunktur- und Finanzzyklen zunehmend im Gleichschritt verlaufen.

Es wäre naiv zu behaupten, dass die asiatischen Volkswirtschaften von den Entwicklungen in den USA völlig unberührt bleiben. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob die rückläufigen US-Exporte auch diejenigen Bereiche der aufstrebenden Volkswirtschaften in Mitleidenschaft ziehen werden, die bisher als von einer US-Rezession abgeschottet galten. Das gilt beispielsweise für den Binnenkonsum und den Handel der Schwellenländer miteinander.

Nicht abwegig

Insofern ist die Entkopplungsthese sicherlich nicht abwegig. Trotz stark rückläufiger Exporte in die USA verzeichnen die Ausfuhren in andere Schwellenländer immer noch kräftige Wachstumszahlen. Zwar fielen Chinas Exporte in die USA allein im Januar 2008 um rund fünf Prozent, seine Exporte nach Brasilien, Indien und Russland stiegen im gleichen Zeitraum jedoch um über 60 Prozent (Quelle: The Economist 6. März 2008). Diese augenscheinliche Widerstandskraft gegenüber einer schwächeren Nachfrage aus den entwickelten Ländern deutet darauf hin, dass sich die Schwellenländer bereits zu einem mächtigen Handelsblock entwickelt haben.

Verfechter der Entkopplungsthese führen weiterhin an, dass die jüngsten Kursrückgänge an den Emerging Markets weniger mit der sich abzeichnenden Rezession in den USA zu tun haben. Vielmehr gehen diese mit einer breit angelegten Neubewertung von Risiko infolge der globalen Finanzkrise einher. Die Korrektur wurde notwendig, da die Bewertungen an den Aktienmärkten zunehmend überzogen und damit anfällig für äußere Erschütterungen waren. Dabei besteht die Gefahr, die wirtschaftliche Bedeutung der USA zu überschätzen, insbesondere aus westlicher Sicht. Noch immer entfallen 30 Prozent des globalen Bruttoinlandprodukts auf den amerikanischen Konsum. Im Hinblick auf Kaufkraftparität lässt die weltwirtschaftliche Bedeutung der USA allerdings nach.

Vernetzte Welt

Es ist in unserer hoch komplexen, vernetzten Welt unmöglich, genau vorauszusagen, welche Ereignisse in den USA sich im kommenden Jahr auf die Schwellenländervolkswirtschaften auswirken werden. Wenn sich die jüngste Finanzkrise gelegt hat, müssen die internationalen Banken das Vertrauen der Investoren und ihr Kapital wieder aufbauen. Es ist noch nicht vorauszusehen, wie sich dies mittelfristig auf die globale Liquiditätsentwicklung auswirken wird, Liquiditätsengpässe können niemals ganz ausgeschlossen werden.

Kaloo ist sich jedoch sicher, dass die Märkte die Folgen der Finanzkrise für die Realwirtschaft noch nicht voll eingepreist haben. Von daher stellen einzelne Branchen, wie etwas Energieversorger, Telekommunikation und der Einzelhandel langfristig die nachhaltigsten Wachstumsquellen dar. In den Aberdeen-Portfolios sind zum Beispiel Unternehmen wie die südafrikanische Einzelhandelskette Massmart,   China Mobile und der brasilianische Ölproduzent Petrobras vertreten.

Nicht unterschätzen

Die Sorgen um die nachlassende US-Konjunktur treten zunehmend in den Hintergrund, während sich weltweit die Inflationsbefürchtungen mehren. Das eigentliche Problem besteht nämlich darin, dass sich die Beziehung zwischen steigender Inflation und Wachstumserwartungen nicht linear verhält. Investoren könnten von daher die möglichen Folgen steigender Löhne auf die langfristige Entwicklung von Unternehmensgewinnen unterschätzen. (rmk)