Der Glanz des einstmals schillernden Juwels Indien hat in den letzten Monaten einige Kratzer bekommen. Ausländische Investoren haben im ersten Quartal aus dem dortigen Aktienmarkt geschätzte drei Milliarden US-Dollar abgezogen. Trotz eines Zwischenaufschwungs im März hat der Marktindex im bisherigen Jahresverlauf rund 14 Prozent eingebüßt, damit schnitt Indien unter den größten Schwellenländern am schlechtesten ab. Die Ernüchterung hat laut Hugh Young, Aktienvorstand Aberdeen Asset Managers, mehrere Gründe: "Der Markt war schlichtweg reif für einen Rückschlag, nachdem er in nur vier Jahren um das Siebenfache zulegte. Dies machte ihn anfällig für eine Korrektur, die im Gegensatz zu anderen Märkten weniger von der Kreditkrise als von lokalen Faktoren bewirkt wurde. Mit einem Wachstum von mehr als neun Prozent in drei aufeinander folgenden Jahren erreichte die Wirtschaft ihre Kapazitätsgrenzen, was sich auch in den Inflationsdaten niederschlug." Lesen Sie nachfolgend den Originaltext von Hugh Young:

 

Beweise für Kapazitätsengpässe finden sich vor Ort überall, von Verkehrsstaus bis hin zu Stromausfällen. Bei der Inflation spielte die Konsumnachfrage eine Rolle, treibende Faktoren waren aber auch der Anstieg der Lebensmittelpreise und die Lockerung von Treibstoffsubventionen zu einer Zeit, als die Preise in die Höhe schossen. Wenn sich aus mehreren Faktoren ein Sturm zusammenbraut, ist dies unglücklich, doch die Antwort der indischen Zentralbank (RBI) war orthodox. Die Währungshüter strafften ihre Politik aggressiv, indem die Quote für Barreserven (CRR) erhöht wurde, während die Realzinssätze - anders als in vielen anderen Schwellenländern - positiv blieben. Auf kurze Sicht mögen hohe Realzinssätze nicht populär sein, doch zuletzt konnte die RBI sogar die Regierung auf ihre Seite ziehen. Bis vor kurzem schien Indiens Führung einen entgegengesetzten und allzu freizügigen Kurs zu verfolgen, bei dem nicht vorhandenes Geld ausgegeben wird. Mit Blick auf die Wahlen im nächsten Jahr enthielt der Haushalt vom März noch Geschenke an Landwirte und die Mittelschicht gleichermaßen. Die Wachstumsrhetorik ist nun weniger schrill, und die Minister scheinen anzuerkennen, dass eine zyklische Verlangsamung mit Wachstumsraten von sieben bis siebeneinhalb Prozent bevorstehen könnte. Einige Stellen verweigern sich jedoch noch immer der Einsicht, und das von Handels- und Industrieminister Kamal Nath kürzlich erklärte Wachstumsziel von 29 Prozent für den Warenexport in diesem Haushaltsjahr ist sehr ambitioniert.

 

Lohnzuwächse

 

Für einige Investoren ist der nachlassende Schwung Beweis genug, dass zumindest fürs Erste das Anlagethema Indien seinen Reiz verloren hat. Dem muss man aber nicht zustimmen. Indien produziert weniger im Rohstoffsektor und hinkt als Ziel ausländischer Investitionen hinter China her. Zwar muss das Land sich stärker Energiequellen im Ausland sichern, doch ist die Wirtschaft nicht sehr ressourcenintensiv. Die Unternehmen decken eine breite Branchenpalette ab, von Informationstechnologie über Pharmazeutik und produzierendem Gewerbe bis hin zu Banken und Immobilien. Kein anderes Schwellenland weist eine solche Bandbreite auf. Viele der Unternehmen verkaufen vorwiegend auf dem Binnenmarkt, dort machen steigende Ausgaben Reinvestitionen möglich. Dies ergibt einen Aufwärtskreislauf, der erst seit kurzem von steigenden Kosten gehemmt wurde. Diese Kosten sind ein Problem, etwa die Lohnzuwächse für IT-Techniker oder die höheren Kosten für den Warentransport im Land. Das erstgenannte Problem sollte allerdings ziemlich leicht zu verdauen sein, weil man heutige Löhne nicht mit früheren Einkommen, sondern mit bei ausländischen Wettbewerbern gezahlten Entgelten in Bezug setzen sollte. Auf dieser Basis ist der Vergleich noch immer vorteilhaft für Indien. Lohnzuwächse sind in Indien genauso lange ein Thema wie Defizite in der Infrastruktur, doch indische Firmen können damit umgehen.

 

Chronische Unterinvestitionen bei der Infrastruktur

 

Markteinsteiger dagegen sind schnell geschockt von den chronischen Unterinvestitionen bei Straßen, Häfen und im Stromnetz. Dies ist ohne Zweifel das größte Problem. Private Beteiligungsgesellschaften haben zwar Milliarden eingesammelt, die in den nächsten Jahren in diesem Bereich sinnvoll angelegt werden könnten. Ob die Behörden derartige Finanzquellen und das damit verbundenen Eigentum aber willkommen heißen, steht auf einem anderen Blatt. Regierungen in ganz Asien zeigen eine tief verwurzelte Ambivalenz, wenn es um die Öffnung der Märkte gegenüber Ausländern geht. Die indische Regierung hat durch ihre starre Politik das Problem noch verschärft. Noch fällt es schwer, sich vorzustellen, dass gerade in einer Phase des Stillstands bei strukturellen Reformen verstärkt Neuansiedelungen ausländischer Unternehmen zustande kommen. Es ist für Anleger wohl besser, sich auf Branchen zu konzentrieren, die nicht von künftigen Reformen abhängig sind, sondern von bereits erzielten Fortschritten profitiert haben. Obwohl sich Indien in den letzten 15 Jahren zunehmend kapitalistisch ausgerichtet hat, gibt jedoch immer noch einige Wirtschaftszweige, die von einer "Elite" kontrolliert werden. Außerdem ist Indiens Bürokratismus legendär und öffentliche Ausgaben sehr hoch.

 

Gewinnwarnungen noch nicht vorbei

 

Während viele Unternehmen im Zuge der letzten Kursaufschwünge überbewertet wurden, scheinen die Bewertungen wieder ausgewogener. Der Aktienmarkt notiert auf einem vernünftigen Wert, die Kurse stellen das Zwölffache der für 2009 erwarteten Gewinne dar. Man muss allerdings noch mit einigen Gewinnwarnungen in den kommenden Monaten rechnen, weil die wirtschaftliche Verlangsamung auf die Gewinne durchschlägt. Viele prosperierende Unternehmen haben bislang durchgängig oberhalb der Erwartungen liegende Gewinne gemeldet, was ihrem Kostenbewusstsein zu verdanken war. Die meisten indischen Unternehmen sind erfahren genug, um einen gesamten Wirtschaftszyklus zu überstehen, und die besten sind von Natur aus konservativ aufgestellt. Das Aufrechterhalten hoher Cash-flows bei niedriger Verschuldung ist ihre zweite Stärke, und von diesem Kurs werden sie nicht abweichen. Ein typischer Fall sind Firmen wie Satyam Computer und Infosys, die derzeit zehn Prozent von ihren Höchstnotierungen entfernt stehen. Die Ergebnisse des abgelaufenen Quartals waren zufriedenstellend, die Vorsteuergewinne wuchsen im Quartal bei Infosys um 24,6 Prozent und bei Satyam um 20 Prozent, die Ausblicke für das kommende Jahr waren positiv. Diese Firmen repräsentieren für Indien die Zukunft. Ihre Manager sind kompetent und die Unternehmen sind global wettbewerbsfähig. Langfristig dürfte das Programmieren von Rechnern und Netzwerken mehr Wertschöpfung erzeugen als etwa Förderung und Verkauf von Eisenerz.

 

Indische Firmen: Unabhängig von den Launen ihrer Regierung aufgestiegen

 

Anders als manche fernöstliche Länder wird Indien Anleger weiter frustrieren, weil bewusste Politik sich schnell mit emotionalen Reflexentscheidungen abwechseln kann. Das Land wurde aus Anlegersicht aber noch nie wegen seiner Rahmenbedingungen geschätzt, und der Unternehmenssektor hat mit Schwankungen zu leben gelernt. Indische Firmen sind unabhängig von den Launen ihrer Regierung aufgestiegen. Sie habe damit ihren Aktien die Basis für einen ähnlichen Aufschwung geschaffen.