Jetzt machen also die nordischen Währungshüter als erste Schluss mit dem Experiment der Negativzinsen. Die schwedische Riksbank, die älteste Zentralbank der Welt, hat am Donnerstag (19. Dezember) eine Erhöhung des Leitzinssatzes auf null Prozent beschlossen.  Die Konjunkturaussichten für die schwedische Wirtschaft trübten sich zuletzt ein, die Industrieproduktion rutschte im Oktober gegenüber dem Vorjahresmonat gar in den tiefroten Bereich. Aus konjunktureller Sicht wäre also selbst eine geldpolitische Lockerung gerechtfertigt gewesen, doch Schweden möchte mit den Negativzinsen endlich Schluss machen. 

Die Frage, die sich nun stellt, lautet: Zieht die EZB nach? Es rührt sich bereits Widerstand gegenüber den Negativzinsen unter den europäischen Währungshütern, unter anderem steht der italienische Notenbankpräsident Negativzinsen mittlerweile skeptisch gegenüber. Die unerwünschten Nebenwirkungen der Zinspolitik treten immer offensichtlicher zutage. "Viele Banken in der Währungsunion wollen die von der EZB erhobenen Strafzinsen an ihre Kunden weitergeben. Auch die Risikobereitschaft unter Anlegern wächst. Es ist doch seltsam, wenn der im November publizierte EZB-Finanzmarktstabilitätsbericht vor den Risiken der eigenen Zinspolitik warnt", sagt Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der liechtensteinischen VP Bank Gruppe. 

Sozioökonomische Verwerfungen
Da das Sparkonto nichts mehr abwirft, flüchten viele Verbraucher in Betongeld. Steigende Immobilienpreise führen aber dazu, dass sich selbst Gut- und Bestensverdiener kein Eigenheim mehr leisten können. Doch das größte Problem sind die steigenden Mieten – vor allem in deutschen Großstädten, in denen sich Familien und Geringverdiener Innenstadtlagen kaum noch leisten können. Das schürt Unmut und gefährdet den sozialen Zusammenhalt, ablesbar auch an Wählerwanderungen zu den rechten und linken Flügelparteien.

Ab Januar wird die EZB die geldpolitische Strategie überarbeiten. Dies würde die Chance eröffnen, sich nach schwedischem Beispiel von den Negativzinsen zu verabschieden. Würde etwa das Inflationsziel nach unten revidiert, meint Gitzel, könnte ein frühzeitiger Ausstieg unter formalen Aspekten gelingen: "Dieses Szenario hat aus unserer Sicht gewisse Chancen. Zumindest besteht Überraschungspotential. EZB-Chefin Christine Lagarde ist nach eigenem Bekunden Teamplayerin und sucht den Konsens. Da sich nun selbst in Kreisen der südländischen Notenbanken Widerstand gegenüber Negativzinsen regt, könnte sich etwas bewegen. Aus deutscher Sicht hätte man das Negativzins-Experiment schon längst beenden können."

Was gestern gut war, muss es heute nicht mehr sein
Gelingt in Schweden der Ausstieg aus der Negativzinspolitik, ohne größere wirtschaftliche Blessuren zu hinterlassen, wäre dies regelrecht eine Aufforderung an die EZB, es dem nordischen Beispiel gleich zu tun. Negativzinsen mögen vielleicht im Zuge der europäischen Schuldenkrise ein adäquates Mittel gewesen sein, doch was in der Vergangenheit gut war, muss heute nicht mehr zwangsläufig gut sein. (kb)