Sie gilt als Hort der Stabilität in einer krisenumtosten Finanzwelt: Wegen ihrer umsichtigen Geld- und Reservepolitik heimst die Schweizerische Nationalbank (SNB) von Beobachtern regelmäßig Lob ein. Davon haben auch Anleger etwas, denn im Gegensatz zu den meisten Zentralbanken des Planeten führt die SNB ihre Gewinne nicht nur an den Staat ab: Über die Aktie können auch Privatinvestoren an ihrem erfolgreichen Geschäftsgebaren teilhaben – in Form von Dividenden und Kurszuwächsen.

Die waren lange Zeit beträchtlich. Rund zwei Jahre lang kannte das SNB-Papier nur eine Richtung: steil nach oben. Vom Herbst 2016 bis zum April 2018 verachtfachte sich der lange vor sich hin dümpelnde Kurs auf rund 8.500 Franken. Danach ging es im allgemeinen Börsenabschwung auch mit dem Aktienüberflieger abwärts, doch kurz vor Jahresschluss erwischte es den eidgenössischen Anteilschein richtig heftig: In nur einer Woche verlor die Aktie mehr als ein Viertel ihres Wertes. Den letzten Handelstag vor Weihnachten beendete sie knapp unter 3.700 Euro. Seitdem rätseln Investmentexperten, wer oder was den Blitzcrash ausgelöst haben könnte.

Crashpropheten als Hauptverdächtige
Einen Erklärungsversuch unternimmt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ): Möglicherweise hänge der plötzliche Verkaufsdruck mit jüngsten Statements der deutschen Ökonomen und "Crash-Auguren" Matthias Weik und Marc Friedrich zusammen. Am vergangenen Sonntag, so die FAZ, veröffentlichten die bekannten Autoren so erfolgreicher Bücher wie "Der größte Raubzug der Geschichte" und "Der Crash ist die Lösung" einen vielbeachteten Beitrag auf dem Schweizer Online-Portal "Infosperber". Tenor: Die SNB stelle angesichts ihrer enormen Bilanzsumme, die infolge der ausufernden Devisen- und Aktienkäufe auf 124 Prozent des eidgenössischen Bruttoinlandsprodukts angeschwollen ist, ein für die Schweiz mittlerweile nicht zu unterschätzendes "Klumpenrisiko" dar.

Nicht ausgeschlossen, dass die mahnenden Worte bei dem einen oder anderen SNB-Aktionär für Panik gesorgt haben. Wegen der Marktenge des Titels genügen schon wenige Verkaufsorders, um die Lawine ins Rollen zu bringen. Gut möglich ist aber auch, dass die Ursachen profaner Natur sind.

Oder ist alles viel simpler?
So könnten einige Investoren sich kurz vor Ultimo dazu veranlasst gefühlt haben, in einem auch an der Zürcher Börse ansonsten renditearmen Anlagejahr einfach mal Gewinne mitzunehmen. Ohnehin hat der Nimbus der Unfehlbarkeit der Schweizer Währungshüter in letzter Zeit Kratzer abbekommen. So hatten unter anderem Fehleinschätzungen beim Goldpreis  in den ersten neun Monaten dieses Jahres dazu geführt, dass die SNB einen Verlust von 7,8 Milliarden Schweizer Franken (6,8 Mrd. Euro) einfuhr. Wegen der teils massiven Börsenverluste im vierten Quartal dürften die Gesamtjahresgeschäftszahlen der SNB, die immerhin ein Fünftel ihrer Devisenreserven in Aktien investiert hat, kaum besser ausfallen.

Und noch ein lange Zeit kursbeflügelndes Argument hat sich wohl in Luft aufgelöst: So hatten diverse deutsche Börsenbriefe noch zu Jahresbeginn das Gerücht geschürt, findige Value-Investoren hätten ein Auge auf das trotz Rally massiv unterbewerte Papier geworfen. Ganz Verwegene spekulierten gar auf eine bevorstehende feindliche Übernahme, derentwegen Jean Studer, Präsident des SNB-Bankrats, auf der jüngsten Hauptversammlung daran erinnerte, dass gesetzliche Vorschriften und eingeschränkte Mitbestimmungsregeln jedweden Übernahmegelüsten einen Riegel vorschieben. "Die SNB-Aktie ist keine Aktie wie jede andere", sagte er damals. Angesichts des aktuellen Kursrutschs ist man geneigt zu sagen: Ist sie doch! (ps)