Die Rentenkommission "Nachhaltiger Generationenvertrag" sollte den Weg zu Reformen in der gesetzlichen Rentenversicherung ab 2025 bis ungefähr 2050 weisen. Das war der Plan, doch vieles im Abschlussbericht blieb schwammig. Fast 40 Prozent der Deutschen können einer Umfrage des Deutschen Instituts für Altersvorsorge zufolge daher nicht einschätzen, ob Korridore für den Rentenbeitrag und das Rentenniveau eine gute Lösung sind.

Zur Erinnerung: Die Kommission wirbt dafür, in Deutschland den Mechanismus von gesetzlich verbindlichen Haltelinien für das Sicherungsniveau vor Steuern und Beitragssatz über 2025 hinaus fortzuführen. Diese sollen ab 2026 jeweils sieben Jahre gelten. Für das Sicherungsniveau wird statt einer konkreten Zahl ein Korridor zwischen 44 und 49 Prozent benannt. Auch beim Beitragssatz zur Rentenversicherung konnten sich die Experten nur auf einen Korridor, der zwischen 20 bis 24 Prozent des Bruttolohns liegen soll, verständigen. Derzeit beträgt der Beitragssatz 18,6 Prozent des Bruttoeinkommens bis zur Beitragsbemessungsgrenze. Das faktische Renteneintrittsalter liegt bei 64,2 Jahren. Nach 45 Arbeitsjahren gibt es im Schnitt 1.487 Euro Bruttorente (Ost: 1.435 Euro), von der noch Beiträge für Kranken- und Pflegeversicherung (nur gesetzlich Versicherte) sowie eventuell Steuern abgehen.

Doch wie schneidet die Basisversorgung der gesetzlichen Rentenversicherung im internationalen Vergleich ab? Antworten zur Lage in Frankreich, Österreich und der Schweiz gab Wolfgang Schulz-Weidner am Mittwoch während eines online veranstalteten Fachseminars der Deutsche Rentenversicherung Bund (DRV). Manches sei in den Nachbarländern auf den ersten Blick attraktiver als bei uns, da mehr Anteil vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) als hierzulande (10,1 Prozent) für die Rente ausgegeben wird: In Frankreich sind dies 13,9 Prozent, in Österreich 13,3 Prozent und im OECD-Durchschnitt 8,0 Prozent. In der Schweiz seien es zwar nur 6,5 Prozent, doch im Zusammenhang von Renten- und Steuersystem würde die Schweiz aufgewertet. Allerdings seien solche Betrachtungen aufgrund vieler Unterschiede im Detail kaum seriös zu berechnen, warnte Schulz-Weidner.

Frankreich: Noch üppige Renten
In Frankreich fußt die erste Säule auf einem mit der DRV vergleichbaren Basis-Rentensystem (CNAV genannt) sowie einem umlagefinanzierten Zusatzrentensystem (AGIRC/ARCCO), das für alle Arbeitnehmer der Privatwirtschaft obligatorisch ist. Der Beitragssatz aus beidem beträgt 27,5 Prozent des Bruttoeinkommens. Hinzu kommen 9,2 Prozent Solidaritäts-Sondersteuer zur Kofinanzierung der Rente, die auf alle persönlichen Einkommen und auch auf Kapitalerträge erhoben wird.

Das gesetzliche Renteneintrittsalter bleibt für Franzosen vorerst bei 62 Jahren. Durchschnittlich gibt es in der Basisversorgung 1.952 Euro brutto pro Monat. Volle Rente gibt es erst nach 43 Jahren, mindestens dann 640 Euro. Eine begonnene Rentenreform "wurde wegen Corona bis auf weiteres ausgesetzt", so Schulz-Weidner.

Österreich: Frauen künftig später in Rente
In Österreich gibt es wie in Deutschland drei Säulen, wobei die Basisversorgung von der Wichtigkeit her klar dominiert. Beiträge zahlen alle Erwerbstätigen; der Beitragssatz liegt bei 22,8 Prozent, davon kommt über die Hälfte (12,25 Prozent) vom Arbeitnehmer für jeden Arbeitgeber. Selbstständige kostet es 18,5 Prozent ihrer Bruttoeinnahmen. Rentenbeginn ist für Männer mit 65, für Frauen schon ab 60. "Das wird in den nächsten Jahren nach oben angeglichen, soll aber bei nicht über 65 hinausgehen", so die DRV.

Volle Rente gibt es ab 45 Arbeitsjahren, im Schnitt 1.528 Euro pro Monat. Für Bedürftige gibt es eine Ausgleichszulage, vergleichbar mit der deutschen Grundsicherung. Höhe: je nach Familiensituation zwischen 1.127 und 1.534 Euro pro Monat. Da die Rente für Männer in der Praxis im Schnitt doppelt so hoch wie für Frauen ausfällt, soll diese Schere in den nächsten Jahren verringert werden.

Schweiz: Schwer durchschaubares Gesamtsystem
"Die Schweiz hat das ungewöhnlichste und am schwersten verständliche Rentensystem", sagt Schulz-Weidner. Dort habe auch die zweite Säule großes Gewicht (obligatorische bAV über Pensionskassen). In der Basisversorgung ist die staatliche Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) obligatorisch – und das auch für Selbstständige. Besonderheit: Auch Nicht-Erwerbstätige und Rentner müssen in die AHV einzahlen.

Der Beitragssatz liegt für Arbeitnehmer bei niedrigen 10,55 Prozent, für Selbstständige zwischen 5,3 und knapp 10 Prozent. Das Renteneintrittsalter für Frauen bleibt nach einer gescheiterten AHV-Reform unverändert bei 64 Jahren, bei Männern weiterhin bei 65. Vorzeitige Altersrente wird mit 2,3 Prozent Abschlag pro Jahr bestraft. Die Durchschnittsrente nach einer "vollen Versicherungskarriere" liegt für Männer und Frauen gleichermaßen zwischen 1.800 und 1.900 Schweizer Franken (rund 1.770 Euro), die Mindestrente bei 1.185 Franken. Angesichts der relativ hohen Arbeitseinkommen von durchschnittlich 7.000 Franken sei dies ein harter Schnitt im Alter, der jedoch durch positive Umverteilungen bei der Steuer abgemildert wird.

Demografie-Falle in staatlicher Versorgung
Schon seit 2014 gibt die Schweizer AHV nach eigenen Angaben mehr für Rentenzahlungen aus, als sie über Pflichtbeiträge von Arbeitnehmern und Arbeitgebern sowie über Steuerzuschüsse einnimmt. Der AHV-Fonds, der kurzfristige Schwankungen ausgleichen soll, droht auf lange Sicht auszutrocknen. Gemäß der gescheiterten Reformvorlage hätte das Finanzloch der AHV um etwa 20 Prozent gestopft werden sollen, doch die Kosten hätten vor allem die Jungen tragen müssen. Gegen eine Teilfinanzierung der AHV durch Erhöhung der Mehrwertsteuer hatte sich zudem die Mehrheit der Schweizer Kantone gestemmt.

Es zeigt sich generell in der Welt: Die gesetzliche Rentenversicherung in ihrer derzeitigen Ausgestaltung ist nicht in der Lage, allein eine flächendeckend ausreichende Alterssicherung sicherzustellen. "Rentenreformen sind zuletzt etwas in den Hintergrund gedrängt worden, doch das wird sich ändern", sagte Ludovic Subran, Chefvolkswirt der Allianz, kürzlich bei Vorstellung des ersten "Gobal Pension Report" der Allianz-Gruppe. Darin wurden 70 Rentensysteme rund um den Globus analysiert.

Was ein neuer Pensions-Report zur Demografie sagt
Ergebnis: Nur wenige Länder haben ihre Rentensysteme bereits demografie-fest aufgestellt – allen voran Schweden, Belgien und Dänemark. Viele andere Rentensysteme werden jedoch weiter in Schieflage geraten, belastet durch hohe Defizite und einem Ungleichgewicht zwischen Nachhaltigkeit und Angemessenheit. Das deutsche Rentensystem rangiert im Mittelfeld (Platz 26), Österreich auf Platz 34.

Auch wenn frühere Reformen das System stabilisiert haben, muss Deutschland angesichts des bevorstehenden demografischen Wandels nachlegen, zumal jüngst neue und teure gesetzliche Rentenleistungen eingeführt wurden. Reformmüdigkeit könne man sich nirgends leisten, so das Fazit des Reports. (dpo)