Seit einigen Tagen sind bei Silber Preissprünge zu beobachten, die darauf hindeuten, dass das Edelmetall ins Visier von Spekulanten geraten ist. Offenbar treiben vor allem Privatinvestoren den Preis in die Höhe, die davon ausgehen, dass große Player im Markt den Silberpreis künstlich niedrig halten, und die, ähnlich wie im Fall der Gamestop-Aktie, dagegenhalten wollen. An den Manipulationsgerüchten sei nichts dran, sagt allerdings Benjamin Louvet, Fondsmanager bei Ofi Asset Management (Ofi AM). "Behauptungen, der Silber- oder sogar der Goldpreis sei manipuliert, werden seit Jahren immer wieder laut. Wir haben das nie ernst genommen und nehmen es auch heute nicht ernst."

Die Investoren, die gerade auf Silber spekulieren, haben – womöglich, ohne es zu wissen – historische Vorbilder: die US-amerikanischen Brüder Nelson Bunker Hunt und William Herbert Hunt. "Im Jahr 1980 versuchten sie, den Silbermarkt in die Enge zu treiben", erzählt Louvet. Sie kauften in großem Stil Silber, ließen Tonnen davon in eigens gecharterten Frachtflugzeugen in die Schweiz und nach Großbritannien fliegen, um es dort zu lagern – sicher vor dem Zugriff des amerikanischen Staats. Anfangs ging es den schwerreichen Öl-Erben darum, ihr Geld gegen die Inflation abzusichern. Später ging es um Kontrolle und Gewinn. Die Brüder kauften nicht mehr nur physisches Silber, sondern auch Silberkontrakte. Eine gewaltige Spekulationsblase entstand.

Vom Milliardär zum Pleitegeier
Die Geschäfte der Hunt-Brüder nahmen kein gutes Ende. Ihr Versuch, den Silbermarkt unter ihre Kontrolle zu bringen, scheiterte krachend. Der Preis des Edelmetalls, der sich zwischenzeitlich verzehnfacht hatte, gab deutlich nach, als immer mehr US-Bürger ihr Familiensilber zu Geld machten und damit das Angebot verzerrten. Nelson Bunker und William Herbert Hunt, zwischenzeitlich auf dem Papier mehrfache Milliardäre, gerieten wegen zu leistender Sicherheitshinterlegungen für ihre waghalsigen Termingeschäfte in Liquiditätsprobleme, mussten verkaufen, der Silberpreis sank weiter – am Ende waren beide hoch verschuldet und mussten Konkurs anmelden. Die Aktivitäten der Brüder hatten zur Folge, dass der Silbermarkt stärker reguliert wurde.

Die heutige Lage sei nicht mit den wilden Spekulationen in den 1980er Jahren zu vergleichen, sagt Ofi-Fondsmanager Louvet. Er sieht einen entscheidenden Unterschied: "Es hat nicht den Anschein, dass die Aktivisten Hebel einsetzen." Überdies haben Clearinghäuser heute viele Möglichkeiten, den Markt an neue Gegebenheiten anzupassen. Versuche, den Silbermarkt zu kontrollieren, sind inzwischen also von vornherein zum Scheitern verurteilt. (fp)