Für seine Untersuchung betrachtete Pascal Kielkopf vom Family Office HQ Trust alle 47 Länder, die im MSCI ACWI vertreten sind: 23 Industrie- und 24 Schwellenländer. Der Analysezeitraum reicht von Anfang 2009 bis Mai 2026. Jedes Jahr wurde zum Schlusskurs des letzten Handelstags in den Aktienmarkt investiert, der gemessen an seiner Bewertung am attraktivsten erschien. Die Position wurde bis zum nächsten Jahresende gehalten.

Bei der Analyse wurde das Forward-KGV verwendet, also die Bewertung auf Basis der erwarteten Gewinne. Zusätzlich berücksichtigte Kielkopf, dass manche Länder strukturell fast immer günstiger bewertet sind als andere. Das kann an der Sektorstruktur liegen, aber auch an dauerhaft höheren Risikoaufschlägen – insbesondere in einigen Schwellenländern. Deshalb wurde geprüft, welches Land aktuell den größten Bewertungsabschlag gegenüber den anderen Ländern aufweist, gemessen an der eigenen Historie der vergangenen zehn Jahre.

Langfristig ernüchternde Rendite
"In einzelnen Jahren funktionierte die Strategie beeindruckend gut“, so Kielkopf. "Etwa Chile im Jahr 2022: Während der MSCI ACWI 13 Prozent verlor, legte der chilenische Aktienmarkt um 27 Prozent zu." Und ebenso für Griechenland: "Griechenland lag 2009 von Jahresbeginn bis Mitte Oktober zeitweise rund 35 Prozentpunkte vor dem MSCI ACWI. Bis zum Jahresende wurde dieser Vorsprung im Zuge der sich anbahnenden Euro-Krise allerdings wieder abgegeben – am Jahresende blieb Griechenland hinter der ACWI-Performance."

Langfristig fiel das Ergebnis indes ernüchternd aus. Kielkopf: "Von Anfang 2009 bis Mai 2026 erzielte die Strategie eine annualisierte Rendite von 8,3 Prozent. Der MSCI ACWI kam im selben Zeitraum dagegen auf 12,8 Prozent pro Jahr." Die Strategie blieb damit um 4,5 Prozentpunkte pro Jahr hinter dem Weltaktienindex zurück. Auch in der Mehrzahl der Fälle lag sie hinter dem MSCI ACWI: "In zwölf von 18 Jahren – also in zwei Dritteln des Untersuchungszeitraums – schnitt der jeweils günstigste Aktienmarkt schlechter ab als der globale Index“, so Kielkopf.

Höhere Volatilität
Beim Risiko konnte die Strategie ebenfalls nicht punkten: "Die Volatilität lag bei fast 24 Prozent per annum, während der MSCI ACWI auf rund 15 Prozent per annum kam." Dass einzelne Länder stärker schwanken als ein global diversifizierter Aktienindex, ist wenig überraschend. Entscheidend ist aber: Die höhere Volatilität wurde nicht mit einer höheren Rendite belohnt. Anleger hätten deutlich stärkere Schwankungen in Kauf genommen und gleichzeitig erheblich weniger verdient.

Eine niedrige Bewertung allein ist aus Sicht von Kielkopf bei Ländern kein ausreichendes Kaufsignal: "Oft gibt es gute Gründe, warum ein Markt mit Abschlag gehandelt wird: politische Risiken, instabile Institutionen, Währungsschwankungen, Kriege, Kapitalverkehrskontrollen oder strukturelle Standortnachteile."

Global gestreute Value-Strategie meist besser
Kielkopfs Fazit: "Die Idee, jedes Jahr in den günstigsten Aktienmarkt der Welt zu investieren, klingt attraktiv. Die Analyse zeigt aber: Günstige Bewertungen allein reichen nicht aus." Zwar könne es in einzelnen Jahren enorme Aufholbewegungen geben. "In der Mehrzahl der Jahre blieb die Strategie jedoch hinter einem global gestreuten Aktieninvestment zurück."

Er rät: "Wer gezielt auf günstige Bewertungen setzen möchte, ist mit einer global diversifizierten Value-Strategie meist besser beraten. Dabei werden nicht einzelne Länder gekauft, sondern weltweit die attraktiv bewerteten Unternehmen ausgewählt." So lasse sich der Bewertungsfaktor nutzen, ohne das Portfolio unnötig stark von lokaler Politik, Währungsrisiken oder einzelnen nationalen Krisen abhängig zu machen. (de)