Kapitalmarktanalyst: "Das könnte in größere Korrekturen münden"
Der neue Boom bei Tech-Werten dürfte nach Meinung von Manfred Schlumberger von der Castell-Bank vorerst weitergehen. Irgendwann aber werden seiner Einschätzung nach die nächsten Zweifel aufkommen. Und das schon bei kleineren Anlässen.
Wie rasch sich die Stimmung ändern kann. Seit Oktober vergangenen Jahres wurden die geplanten gewaltigen Investitionen in künstliche Intelligenz (KI) durch die großen US-Technologiekonzerne zunehmend kritisch gesehen. Nun gehen die Aktien durch die Decke. Nach Meinung von Manfred Schlumberger, Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Fürstlich Castell'schen Bank, dürfte der Boom noch andauern. Doch je höher die Kurse steigen, umso anfälliger werden sie für negative Überraschungen.
Gewinne steigen rasant
In der Korrektur näherte sich die Bewertung des Sektors dem durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) in Höhe von 21 aller S&P-500-Unternehmen an. "Die Bewertungsprämie der Technologiebörse war komplett verschwunden", so Schlumberger. Gegenüber standen dem die anhaltend exorbitanten Gewinne dieser Unternehmen. Im ersten Quartal lagen die Umsatzsteigerungen der fünf großen Tech-Konzerne Alphabet, Amazon, Apple, Meta und Microsoft zwischen 17 und 63 Prozent im Vorjahresvergleich, der Anstieg der Nettogewinne zwischen 22 und 82 Prozent.
Schlumberger: "Die aktuellen KGVs liegen zwischen 21 und 34. Die Bewertungsniveaus sind zwar ambitioniert, aber im Vergleich zu den Wachstumsraten der Gewinne mehr als akzeptabel." Getrieben von den Technologiekonzernen und den Ölkonzernen als Kriegsprofiteure kletterte das Gewinnwachstum aller S&P-500-Firmen im Durchschnitt um 25 Prozent im ersten Quartal, und die Erwartungen für das Gesamtjahr liegen laut Schlumberger bei stolzen 22 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Zahlreiche Profiteure
Schlumberger sagt: "Begleitet wurde der 'KI-Goldrausch' durch eine Hausse bei den 'Schaufelherstellern', also den Firmen, die die Rechenzentren und die Chips bauen, ebenso wie den Stromproduzenten, die allerdings mit der Nachfrage kaum mithalten können. Infolgedessen schießen auch in den USA die Strompreise kräftig in die Höhe."
Auch die Kurse der großen Halbleiterkonzerne in Asien stiegen rasant: etwa Taiwan Semiconductor mit 50 Prozent Kursanstieg, Samsung Electronics mit 125 Prozent und SK Hynix mit 150 Prozent seit Jahresbeginn. "Diese drei Konzerne machen fast 25 Prozent der Marktkapitalisierung des MSCI-Schwellenländerindex aus. Dies erklärt auch im Wesentlichen den Anstieg dieses Indexes um über 20 Prozent", sagt der Kapitalmarktanalyst.
Die Risiken des KI-Booms
Die Schattenseite: "Die enormen KI-Investitionen der großen Technologiekonzerne fressen einen erheblichen Teil ihres freien Cashflows auf. Da bleibt für Aktienrückkäufe nichts mehr übrig." Offen bleibe weiterhin die große Frage, inwieweit sich die gewaltigen Investitionen jemals in Gewinnen niederschlagen werden. Angesichts der steigenden Zinsen am Rentenmarkt verteuert sich auch die Refinanzierung der US-Technologieunternehmen, die sich zunehmend auch verschulden müssen.
Schlumberger glaubt: "Über kurz oder lang wird der Markt dieselben kritischen Fragen zur Nachhaltigkeit dieser Ausgaben wie gegen Ende des Vorjahres stellen." Kleinste Enttäuschungen bei den Umsatz- und Gewinnerwartungen können die Gesetze der Schwerkraft wieder in Gang setzen und in größere Korrekturen münden. (jh)















