Es hat sich inzwischen eingebürgert, dass die Notenbanken in Krisenzeiten die Schulden von Staaten ankaufen. Eigentlich könnte sie sie sogar einfach verschwinden lassen. Aber sollten sie das auch? Einige Politiker und Ökonomen fordern von der Europäischen Zentralbank (EZB) einen Schuldenerlass für Mitgliedsländer, die bei der Notenbank besonders tief in der Kreide stehen. Auf den ersten Blick haben sie dafür gute Argumente, sagt Rui Soares von FAM Frankfurt Asset Management: "Ein derartiger Schuldenschnitt würde keinem wehtun, da lediglich die Notenbanken enteignet würden, die anschließend weniger Eigenkapital in ihren Bilanzen stehen hätten." Investoren würden nicht geschädigt, die Geldpolitik hätte die Chance auf einen Neustart unter normaleren Bedingungen.

Was auf den ersten Blick machbar und sogar vernünftig klingt, wäre auf den zweiten Blick allerdings extrem kompliziert, warnt Soares. Neben den Staatsschulden sind nämlich auch die privaten Kredite zu beachten, also das Fremdkapital der Unternehmen und die Außenstände der Haushalte. Diese befinden sich ebenfalls auf einem Rekordstand, berichtet Soares. Die Verteilung zwischen Staats- und Privatschulden unterscheidet sich allerdings ja nach Land enorm. So liegen zwar die Staatsschulden der Schweiz niedrig – insgesamt sind die Eidgenossen aber höher verschuldet als die Italiener, vor allem wegen teurer Hausfinanzierungen. "Schweizerische Hypotheken könnten im Fall eines Zinsanstiegs einen Crash am Wohnimmobilienmarkt auslösen", warnt der Anlageprofi.

Bedrohung für den sozialen Frieden
Ein Schuldenschnitt, der die Verbindlichkeiten der privaten Haushalte nicht berücksichtigt, würde – in Kombination mit einem Zinsanstieg – für mehrere Länder zur enormen Belastung. "Eine Normalisierung der Geldpolitik wäre daher nur mit einem umfangreichen Schuldenerlass über die gesamte Breite der Schuldner vorstellbar; Staat, private Haushalte und Unternehmen", sagt Soares. Das würde aber ganz neue Probleme nach sich ziehen. Wie könnte die EZB es zum Beispiel rechtfertigen, die Unternehmensanleihen von Firma A zu streichen, während die Bankdarlehen von Firma B stehenbleiben? Auch Privatleute würden bei einem solchen Schuldenerlass höchst unterschiedlich behandelt. "Der große Schuldenschnitt ist daher extrem unwahrscheinlich", sagt Soares. (fp)