Bis vergangenen Freitag (22. Mai) hatte Argentinien Zeit, seinen Gläubigern 500 Millionen US-Dollar an aufgelaufenen Zinsen zu überweisen oder sich mit ihnen anderweitig zu einigen. Die Galgenfrist ist verstrichen, das Land ist zahlungsunfähig, zum neunten Mal in seiner Geschichte. Die Regierung hat sich aber offenbar vorgenommen, die Staatspleite schlichtweg zu ignorieren – frei nach dem Motto: Was ich nicht sehe, gibt es auch nicht. Sie will nämlich weiter verhandeln, berichtet die "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ). Noch in der laufenden Woche will sie den Gläubigern ein neues Angebot unterbreiten.

Die Regierung hatte Argentiniens Geldgebern zunächst angeboten, für Staatsanleihen mit einem Nominalwert von 65 Milliarden US-Dollar die Zinsschuld um 62 Prozent und die Schulden um 5,4 Prozent zu senken und überdies den Beginn der Rückzahlungen drei Jahre aufzuschieben. Das sollte dem Land Zeit geben, sich wirtschaftlich zu erholen. Nachdem es zuerst so aussah, als könne es auf den letzten Metern eine Einigung geben, lehnten die Gläubiger schließlich ab.

Keine Geduld ist auch keine Lösung
Zu jenen, denen Argentinien Geld schuldet, gehören einige große Investmentgesellschaften. Sie haben angekündigt, das neue Angebot zu prüfen. Unterdessen wollen sie laut NZZ nicht die sogenannte Beschleunigungsklausel aktivieren. In deren Rahmen könnte ein Viertel aller Gläubiger beantragen, das geliehene Kapital sofort zurückzubekommen. Argentinien wäre in diesem Fall mit sofortiger Wirkung von den internationalen Finanzmärkten ausgeschlossen.

Das südamerikanische Land befindet sich seit drei Jahren in einer tiefen Rezession, die durch die Coronakrise weiter verschärft wird. Die Inflation liegt bei 45 Prozent, der Peso hat massiv an Wert verloren. Die Schuldenprobleme machen die Lage nicht einfacher. Argentiniens größter Einzelgläubiger ist der Internationale Währungsfonds (IWF). Dieser zeigt sich bislang unnachgiebig und will erst dann über eine Umschuldung verhandeln, wenn private Gläubiger auf einen Großteil ihrer Forderungen verzichten. (fp)