Zum neunten Mal in seiner Geschichte steht Argentinien kurz vor der Insolvenz. In den kommenden Tagen wird sich zeigen, ob die Regierung die Staatspleite doch noch abwenden kann. Wirtschaftsminister Martín Guzmán hat den Gläubigern des Landes eine Umschuldung angeboten. Nachdem diese, darunter große Investmentgesellschaften wie Blackrock und Fidelity, das Angebot zunächst abgeschmettert haben, hat Guzmán die Frist bis zum heutigen Montag (11. Mai) verlängert. Die Verhandlungen dürften sich aber wohl noch bis zum 22. Mai hinziehen, schreibt das "Handelsblatt". An diesem Tag muss die Regierung des südamerikanischen Landes entscheiden, ob sie die fälligen Zinsen auf ihre Schuldtitel zahlt oder sich für zahlungsunfähig erklärt.

Der 37-jährige Ökonomieprofessor Guzmán, dessen Spezialgebiet passenderweise Staatsverschuldung ist, zeigte sich im Gespräch mit der Wirtschaftszeitung optimistisch, eine Lösung zu finden. Mehrere Anleiheinhaber hätten die Umschuldungsofferte bereits akzeptiert, erklärte er. Die Regierung sei zudem offen für Gegenvorschläge, selbst über das heutige Fristende hinaus. Diese Offenheit dürfte auch bitter nötig sein: Anleger glauben nicht daran, dass Argentinien und seine Geldgeber im Laufe des heutigen Tages zusammenfinden. Argentinische Anleihen wurden zuletzt zu gerade einmal 35 Prozent ihres Nominalwerts gehandelt.

Ein riskantes Pokerspiel
Das aktuelle Umschuldungsangebot sei "nach bestem Wissen und Gewissen" erfolgt, so Guzmán. Anlass zum Nachbessern sieht er nicht. "Argentinien kann nicht zahlen inmitten der schweren Krise", betont er. Das Land ist überschuldet und steckte bereits vor der Corona-Pandemie in einer tiefen Rezession. Größter Gläubiger ist der Internationale Währungsfonds (IWF), bei dem Argentinien mit rund 44 Milliarden US-Dollar in der Kreide steht. Der Wirtschaftsminister hofft offenbar darauf, dass der IWF ihm entgegenkommt, wenn er mit den privaten Gläubigern einen Abschlag auf die Schulden aushandeln kann.

Geht Guzmáns Strategie nicht auf, wäre Argentinien nach dem 22. Mai einmal mehr von den internationalen Kapitalmärkten abgeschnitten. Das war bereits im Jahr 2001 der Fall – damals blieb das Land 15 Jahre lang ein Paria bei Investoren. Die mittelfristige Konjunkturerholung, auf die Guzmán spekuliert, würde ohne ausländische Investitionen und Exportfinanzierungen womöglich ausfallen, schreibt das "Handelsblatt". (fp)