Neue Rekorde an der Börse wecken Freude und Zweifel zugleich. Viele Anleger fürchten einen Rückschlag, halten sich mit Neu-Investitionen zurück oder verkaufen sogar Aktien. Doch wer das tut, verpasst oft den nächsten Aufschwung, ist Philippe Gehrig, Portfoliomanager Multi Asset Solutions bei Fisch Asset Management, überzeugt. Denn historisch betrachtet seien Allzeithochs kein Warnsignal, sondern Ausdruck einer gesunden Marktdynamik, schreibt er in einem aktuellen Marktkommentar. Trotzdem sei es sinnvoll, das Portfolio je nach Börsenphase gezielt anzupassen. 

"Aktienkurse steigen, weil Unternehmensgewinne wachsen und Innovationen Wert schaffen. Das gilt auch dann, wenn die Börsen gerade auf neue Rekordstände geklettert sind", erklärt Gehrig. 2024 etwa erreichte der US-Index S&P 500 mehr als 50 neue Höchststände. "Wer sich vom ersten Allzeithoch im Januar verunsichern ließ, verpasste den anschließenden Kursanstieg von rund 25 Prozent", erinnert der Experte.

Interessante Langzeitanalyse
Eine aktuelle Langzeitanalyse von Alliance Bernstein, die Daten aus den Jahren 1980 bis 2025 betrachtet, belegt: Wer am Tag eines neuen Allzeithochs in den S&P 500 investierte, erzielte in den folgenden zwölf Monaten im Schnitt die gleiche Performance wie nach jedem anderen Einstiegszeitpunkt – rund 10,5 Prozent. Über drei Jahre fiel die Performance nach Rekordtagen mit 36,7 Prozent gegenüber 33,8 Prozent sogar höher aus. Beim globalen Aktienindex MSCI World ist das Bild noch klarer. Sowohl auf Ein- als auch auf Dreijahressicht schnitten Investments nach Allzeithochs besser ab. 

Das macht deutlich: Rekordhochs sind keine Gefahr, sondern eine Chance. "Viele Anleger machen an dieser Stelle den Fehler, Zurückhaltung mit Vorsicht zu verwechseln", schreibt Gehrig. Wer nach einem Allzeithoch nicht mehr investiert oder sogar aussteigt, suche vermeintliche Sicherheit. Viel wichtiger, als sich von Emotionen leiten zu lassen, sei es aber, Trendwechsel rechtzeitig zu erkennen.

Investieren mit System
Diese ließen sich mit einem strukturierten Ansatz identifizieren, der auf bewährten Makro- und Marktindikatoren fußt. "Indikatoren wie Überschussliquidität und Inflation zeigen, in welcher Phase sich die Wirtschaft befindet. So lässt sich besser abschätzen, wann eine Anpassung des Portfolios sinnvoll ist", so Gehrig. Anstatt vollständig auszusteigen, sollten Investoren ihr Depot je nach Konjunkturphase umschichten: Von prozyklischen Unternehmen, die in Wachstumsphasen stark profitieren, hin zu defensiven, antizyklischen Titeln, die das Portfolio in Schwächephasen stabilisieren. 

"Allzeithochs markieren selten das Ende eines Trends. Meist sind sie ein Zwischenstopp auf dem Weg zu neuen Rekorden", glaubt Gehrig. Entscheidend sei nicht, den perfekten Zeitpunkt zu treffen, sondern investiert zu bleiben, diszipliniert zu handeln und der eigenen Strategie zu folgen. "Am Gipfel zu kaufen, fühlt sich oft falsch an, ist aber meist richtig, wenn dies mit System geschieht", schreibt der Portfoliomanager. (am)