Viele hatten lange darauf gewartet, nun ist sie da: die Zinswende. Ende Juli hatte die Europäische Zentralbank (EZB) erstmals nach elf Jahren die Zinsen erhöht. Was Ökonomen als wichtige Maßnahme im Kampf gegen die Inflation preisen und Sparer sowie Kunden von Lebensversicherern freut, bereitet der Finanzaufsicht auch Sorgen. Die Behörde sieht auf deutsche Banken schwere Zeiten zukommen, wie Bafin-Exekutivdirektor Raimund Röseler in einem Interview mit dem "Handelsblatt" betont.

Röseler erläutert in dem Gespräch, dass die steigenden Zinsen grundsätzlich positiv für die Geldinstitute sind. "Höhere Zinsen sind für Banken mittelfristig gut, aber im Moment sind die Bewertungsverluste bei vielen Instituten größer als die positiven Ertragseffekte. Manche Banken stehen hier vor ernsthaften Schwierigkeiten", so der oberste Banken-Aufseher gegenüber der Wirtschaftszeitung. Seine Behörde geht davon aus, dass eine kleinere zweistellige Zahl von Banken ernsthafte Probleme bekommt.

Der Grund dafür sind langfristige Darlehen. Die Banken haben solche zu niedrigen Zinsen ausgegeben, müssen nun aber selbst zur Refinanzierung höhere Zinsen zahlen: "Gegen dieses Risiko haben sich nicht alle Häuser ausreichend abgesichert. Das zeigen die vorläufigen Ergebnisse eines Stresstests, den wir im Frühjahr bei kleinen und mittelgroßen Instituten durchgeführt haben", so Röseler. Demnach sei das härteste Szenario des Stresstests, ein Anstieg der Marktzinsen um zwei Prozentpunkte sowie ein Konjunktureinbruch, inzwischen Realität geworden.

Banken sollten Kryptoprodukte "mit ganz dicken Warnhinweisen versehen"
Zudem sieht der oberste Bankenaufseher sehr kritisch, dass einige Banken, darunter auch Sparkassen und Volksbanken, Kunden den Zugang zu Kryptowährungen ermöglichen. "Institute sollten nur Geschäfte machen, die sie verstehen – und meine Vermutung ist, dass die allermeisten Kreditinstitute sich mit Kryptoassets nicht ausreichend gut auskennen", zitiert ihn das "Handelsblatt".

Darüber hinaus hätte ein solcher Schritt seiner Einschätzung nach eine fatale Signalwirkung, weil Anleger den Eindruck bekämen, dass Kryptoassets stabile Wertanlagen oder sogar durch die Einlagensicherung gedeckt sind. "Beides ist nicht der Fall. Wenn Institute Kryptoprodukte anbieten wollen, wäre mir wichtig, dass sie diese Produkte zumindest mit ganz dicken Warnhinweisen versehen." (jb)